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Reisen mit Lungenerkrankung

Vorbereitet starten

Im Juli oder August geht es für viele Menschen in den Urlaub. Wer an Lungenerkrankungen leidet, muss nicht zu Hause bleiben. Wichtig ist jedoch, die Reise gründlich zu planen. Dann steht der Erholung nichts mehr im Weg.
Michael van den Heuvel
13.03.2019
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Dass Klimaveränderungen Patienten mit Lungenerkrankungen guttun, ist seit Jahrhunderten bekannt. Thomas Mann (1875 – 1955) beschrieb in seinem »Zauberberg« eindrücklich, wie Patienten mit Lungentuberkulose 1924 behandelt wurden. Und Kinder mit chronischer Bronchitis mussten damals an die Nordsee. Heute sind andere Lungenerkrankungen auf dem Vormarsch. In Deutschland leiden schätzungs­weise 7,5 Prozent aller Erwachsenen und 10 Prozent aller Kinder an Asthma bronchiale. Für die chronisch-obstruk­tive Lungenerkrankung (COPD) schätzen Lungenärzte, das zwischen 10 und 12 Prozent aller Über 40 Jahren betroffen sind. Die Beschwerden schränken Menschen im Alltag teilweise extrem ein. Wie zu Manns Zeiten fragen sich viele Menschen, ob Reisen und Klima­veränderungen nützlich sind oder vielleicht sogar schaden.

Die Antwort ist eindeutig: »Finger weg von Last-Minute-Reisen«, sagt Professor Dr. Adrian Gillissen. Er ist Direktor der Medizinischen Klinik III, Ermstalklinik Bad Urach, und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Der Experte rät, den Urlaub lieber gründlich zu planen. »Bei sorgfältiger Vorbereitung sind Reisen für viele Patienten mit Lungenerkrankungen nach Absprache mit ihrem Facharzt möglich.«

Generell sollten Gegenden mit sauberer Luft bevorzugt werden. Kuala Lumpur, Mexico City, Beijing, Shanghai, Tokio und viele andere Metropolen sind keine gute Wahl. »Bei COPD-Patienten kommt hinzu, dass solche mit einer schweren Erkrankungsform eine Sauerstoffunterversorgung haben«, sagt Gillissen. »Von daher sind Höhenlagen oder Berge ungeeignet.« Mit zunehmender Höhe sinkt der Sauerstoff­gehalt. Das macht sich bei gesunden Menschen erst ab etwa 3000 Metern bemerkbar. Patienten mit COPD bekommen früher Probleme, da ihre ohne­hin schon niedrige Sauerstoff­sättigung weiter sinkt. Individuelle Unter­schiede gibt es ebenfalls: »Manche fühlen sich eher in trockenen Gegen­den wohl, andere in feuchten Regionen mit Aerosolbildung wie an der Nordsee«, ergänzt der Experte. Aus ärztlicher Sicht sei ein Reizklima oder ein Kurort mit Saline gut geeignet, um die mukoziliäre Clearance, also die Selbstreinigung der Bronchien, zu verbessern.

»Bei Asthma bronchiale mit einer Allergie gegen Hausstaubmilben könnte die Höhe jedoch von Vorteil sein«, weiß Gillissen. »Milben sterben ab 1500 Metern ab, was einige Kurkliniken ausnutzen.« Sein Tipp ist, auch die Vegeta­tion zu berücksichtigen. »Blühende Pflanzen vor Ort können bei entsprechenden Allergien einen Asthmaanfall triggern.« Mitunter würden sich diese Patienten auch deutlich besser fühlen, wenn es im Urlaubsgebiet keine allergieauslösenden Pollen gebe. »Trotzdem muss man sich auf den Fall vorbereiten, dass sich die Symptome verschlechtern«, empfiehlt Gillissen.

Zuerst zum Arzt

Stehen mögliche Ziele fest, sollten Patienten mit ihrem behandelnden Lungenfacharzt sprechen. Grundsätzlich gilt: Je stabiler eine Lungenerkrankung ist, desto weniger schränkt sie auf Reisen ein. In bestimmten Fällen sind zur Reisevorbereitung bei Zweifeln an der Flugtauglichkeit ein Lungenfunktionstest und eine Blutgasanalyse erforderlich. Weitere Untersuchungen kommen je nach Situa­tion noch hinzu. Bei einer COPD mit Lungenemphysem helfen Röntgenaufnahmen, um das genaue Krankheitsbild zu beurteilen und Begleiterkrankungen zu erkennen. Zeigen sich Emphysem­blasen mit eingeschlossener Luft, können Flugreisen aufgrund des Druckunterschieds gefährlich werden. Ein Platzen der Hohlräume hätte lebensbedrohliche Folgen. Denn dann bildet sich ein Pneumothorax, das heißt, zwischen Lunge und Rippenfell dringt Luft ein. Die Ausprägung reicht bei der Komp­likation von minimalen Einschränkungen bis zum kompletten Ausfall der Funktion beider Lungen­flügel. Als Fazit bleibt: Wer sich rechtzeitig informiert, erspart sich gesundheitliche Risiken, hohe Kosten oder ­etwaigen Ärger am Gate.

Der Arztbesuch ist in vielen Fällen ohnehin erforderlich, um Verordnungen für alle benötigten Medikamente zu bekommen. »Die Verfügbarkeit von Arzneimitteln schwankt von Land zu Land erheblich«, warnt Gillissen. Er rät, ausreichende Mengen mitzunehmen. »Präparate dürfen im Handgepäck transportiert werden. Wichtig ist, an Bord alle Notfallmedikamente wie Sprays und gegebenenfalls ein Corti­coid griffbereit zu haben.« Asthma­patienten mit Allergie benötigen außerdem ein Antihistaminikum und zwei Adrenalin-Autoinjektoren im Notfallset.

Sicher unterwegs

Speziell bei Opioiden raten Apotheker ihren Patienten, Begleitdokumente mitzuführen, etwa eine Bescheinigung nach Artikel 75 des Schengener Durchführungsübereinkommens bei Reisen in Staaten des Schengener Abkommens. Um Betäubungsmittel auch in andere Länder mitzunehmen, empfiehlt die Bundesopiumstelle Ärzten, sich am Leitfaden für Reisende des Internationalen Suchtstoffkontrollamtes (INCB) zu orientieren. Demnach sollen Dokumente in mehreren Sprachen Angaben zu Einzel- und Tagesdosierungen, Wirkstoffen sowie der Reisedauer enthalten. Eine Beglaubigung bei der zuständigen obersten Landesgesundheitsbehörde ist sinnvoll.

Neben Medikamenten sollte auch an alle medizintechnischen Geräte gedacht werden. Dazu gehören unter anderem Fingerpulsoxymeter, Adapter für Sauerstoffgeräte oder Adapter für Steckdosen anderer Norm. Wichtige Dinge aller Art müssen ins Hand­gepäck. Bei flüssigen Medikamenten gelten die bekannten Einschränkungen (100 ml/Flasche, maximal 1,0 Liter) nicht. Wer den Koffer aufgibt, riskiert immer, dass Gepäckstücke verzögert zugestellt werden oder ganz verloren gehen.

Auch bei gründlicher Planung werden Reisen zur Strapaze. Speditionen bieten an, das Gepäck 24 Stunden vorher abzuholen und bis zur Abfertigung am Flughafen oder sogar bis an den Zielort zu bringen. Zwischen Gate und Maschine steht heute ein Rollstuhl- oder Begleit­service zur Verfügung. Das ist besser, als kilometerlange Strecken auf großen Flughäfen zurückzulegen. Die Reiseflughöhe liegt heute meist zwischen neun und elf Kilometern. Das heißt: Der Druck im Kabinenbereich entspricht einer Höhe von 1500 bis 2500 Metern. Durch die dünnere Luft verringert sich der arterielle Sauerstoffpartialdruck um 25 Prozent. Was gesunden Reisenden nicht einmal auffällt, wird für COPD-Patienten zur Gefahr. Ihnen drohen stärkere Beschwerden als zu Hause bis hin zur Hypoxämie. »COPD-Patienten mit normalen Sauerstoff- und Kohlendioxidwerten in der Ruhe brauchen keine besonderen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen«, so Gillissen. Ihre COPD müsse jedoch stabil sein.

Bei schwerer COPD mit hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz benötigen Patienten eine Sauerstoff-Langzeittherapie, falls alle Möglichkeiten der Pharmakotherapie ausgeschöpft worden sind. Nur so lassen sich Komplikationen wie ein plötzlicher Abfall des Blutsauerstoffs vermeiden. Für diese Personengruppe wird die Urlaubsvorbereitung aufwendiger. »Sie müssen sicherstellen, sowohl während der Reise als auch am Urlaubsort Sauerstoff zu bekommen«, sagt Gillissen. »Das muss weit vor der Reise im Detail abgeklärt werden.« Viele Herstellerfirmen bieten ihre Unterstützung an und vermitteln Kooperationspartner im Ausland. Der Transport der notwendigen Geräte ans Reiseziel ist unter Umständen ebenfalls möglich. Fluggesellschaften haben hier hohe Sicherheitsvorkehrungen, da Metallzylinder als potenzielle Gefahrenquellen gelten. Sie versorgen Reisende meist über eigene Medical Operation Centers an Bord mit Sauerstoff. Auch diese Frage ist rechtzeitig vor Buchung der Reise zu klären. Flüssiger Sauerstoff darf nicht mit an Bord. Bei Gasdruckflaschen oder mobilen Sauerstoffkonzentratoren bestehen je nach Airline Unterschiede. Patienten erhalten von der Deutschen Sauerstoffliga (www.sauerstoffliga.de) weitere Informationen.

Angekommen

Das klingt alles nach viel Organisation. Mehrere Reiseanbieter haben sich auf Personen mit Handicaps oder chronischen Erkrankungen spezialisiert. Sie unterstützen Patienten bei der Planung schon im Vorfeld. Dazu gehören die Auswahl geeigneter Transportmittel oder Hotels, der Kontakt mit Ärzten, Lungenfachärzten oder Kliniken beziehungsweise die Versorgung mit Hilfsmitteln im Urlaubsland. Sie kennen Hotels, die geeignete Bettwäsche und Matratzen anbieten, um Hausstaubmilben auszubremsen. Viele Selbsthilfeorganisationen für Patienten haben ebenfalls Informationen zusammengetragen.

Es lohnt sich auch, die Krankenversicherung zu überprüfen: Inwieweit besteht Schutz am Urlaubsort? Wer eine Reiserücktrittsversicherung beziehungs­weise Reiserücktransportversicherung abschließt, tut gut daran, das Kleingedruckte zu lesen. Chronische, bekannte Erkrankungen sollten kein Ausschlusskriterium für Leistungen sein.

Wer die Sommerwärme genießt, darf nicht vergessen, dass der Körper viel Flüssigkeit benötigt. Regelmäßiges Trinken ist deshalb Pflicht. Denn dickt Bronchialsekret ein, wird das Atmen schwieriger und Infekte drohen. Ärzte raten darüber hinaus zu luftiger Kleidung, zum Aufenthalt im Schatten und zu wenig körperlicher Anstrengung.

Apropos Anstrengung: Viele Urlaubsregionen haben Fitnessangebote. Gut eignen sich Wandern, Radfahren oder Schwimmen. Sie kräftigen nicht nur Herz und Lungen, sondern heben auch die Stimmung. Wer an Lungenerkrankungen leidet, sollte nicht mit Pressluft tauchen oder schnorcheln.

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