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Allergieprävention

Vorbeugen von Anfang an

Die meisten Eltern sind bemüht, alles dafür zu tun, dass ihr Kind nicht zum Beispiel Neurodermitis oder Asthma entwickelt. Vätern und Müttern, die selbst an einer allergischen Erkrankung leiden, liegt die Allergieprävention besonders am Herzen, da ihre Kinder ein erhöhtes Risiko haben. Welche Maßnahmen während der Schwangerschaft und der ersten Lebensjahre sind wirksam?
Annette Immel-Sehr
13.03.2019
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Allergieprävention beginnt schon im Mutterleib. Doch manche Empfehlungen für Schwangere, die noch vor einigen Jahren in aller Munde waren, haben sich mittlerweile als wirkungslos erwiesen. So bringt es für das Kind nichts, wenn die werdende Mutter in der Schwangerschaft auf Lebensmittel verzichtet, die häufig Allergien auslösen, wie Milch oder Hühnerei. Manchmal schaden streng allergenarme Diäten sogar. »In vielen Fällen hat man festgestellt, dass die Nährstoffversorgung der werdenden Mütter nicht mehr aus­reichend sichergestellt war. So kann eine ­kuhmilcharme Ernährung zum Beispiel ­ zu Calciummangel führen und eine fleisch­arme Ernährung zu einem Proteinmangel – beides wirkt sich sehr negativ auf die Entwicklung des Kindes aus«, warnt Profes­sor Dr. Eckard ­Hamelmann, Direk­tor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter des Allergie-Centrums der Ruhr-Universität Bochum (ACR) in einem Interview mit der Redaktion der Internet-Plattform www.mein-allergie-portal.com.

Auf der anderen Seite gibt es Hinweise für positive Wirkungen von ­Lebensmitteln. So kann der Verzehr von Meeresfisch – und damit die Zufuhr von langkettigen Omega-3-Fettsäuren – in der Schwangerschaft und/ oder Stillzeit einen schützenden Effekt auf die Entwicklung atopischer Erkrankungen beim Kind haben. Die aktuelle Leit­linie zur Allergieprävention aus dem Jahr 2014 empfiehlt Müttern, während der Schwangerschaft und Stillzeit regelmäßig Fisch zu essen. Dagegen hat die Leitlinie keine Empfehlung ausgesprochen, in der Schwangerschaft Prä- und Probiotika einzunehmen. Die Ergebnisse von Studien seien auf diesem Gebiet bislang zu heterogen und zeigten keine über­zeugenden Vorteile für die Allergieprävention beim Kind, so die Begründung.

Vier volle Monate

Muttermilch ist für Babys die beste Nahrung, da sind sich Wissenschaftler in aller Welt wohl heute einig. Die Leitlinie zur Allergieprävention empfiehlt Müttern, vier Monate lang voll zu stillen, das heißt, ausschließlich Muttermilch anzubieten. Damit weicht die Leitlinie etwas von der Empfehlung der Nationalen Stillkommission ab, die die Zeit des ausschließlichen Stillens flexibler auf einen Zeitraum von vier bis sechs Monaten festsetzt. Sie hat allerdings mit ihren Empfehlungen auch nicht speziell die Allergieprävention im Blick.

Nur wenn die Mutter nicht stillen kann oder darf, empfiehlt die Leitlinie für Kinder aus allergievorbelasteten Fami­lien in den ersten vier Monaten hypo­allergene Säuglingsnahrung (HA-Nahrung). Diese enthält hydrolysiertes und dadurch weniger allergenes Vollmilch- oder Molkeeiweiß. Ein positiver Effekt der hypoallergenen Säuglingsnahrung ist allerdings nur für Neuroder­mitis, nicht aber für Asthma oder Heuschnupfen nachgewiesen. In der GINI-Studie, einer Langzeitbeobachtung von Kindern mit erhöhtem Allergie­risiko, erwiesen sich eine stark aufgespaltene HA-Nahrung auf Kasein­basis und eine mittelgradig aufgespaltene HA-Nahrung auf Molkebasis als am wirksamsten.

Die Milch anderer Tierarten wie Ziege, Schaf oder Pferd senkt das Risiko allergiegefährdeter Säuglinge übrigens nicht, da sie eine hohe Kreuzreaktivität zu Kuhmilch aufweisen. Keine Alternative zur hypoallergenen Säuglingsnahrung sind auch Hafer-, Reis-, Mandel- oder Frischkornmilch. Sie liefern dem Säugling oftmals nicht genügend Nährstoffe, beziehungsweise können selbst Allergien auslösen. Auch für soja­basierte Säuglingsnahrungen fehlt der Beleg für einen präventiven Effekt. Sojamilch eignet sich nur aus medizinischen Gründen, etwa bei angeborenem Laktase-Mangel oder Galaktosämie. Ansonsten wird sie wegen der enthaltenen Phytoöstrogene als kritisch für Säuglinge bewertet.

Ab dem fünften Monat sollten die Babys schrittweise an möglichst viele Lebensmittel herangeführt werden. Auch potentielle Allergieauslöser wie Kuhmilch, Ei, Weizen, Möhren und Nüsse sollen nun nach und nach auf dem Speiseplan stehen – selbst bei allergiegefährdeten Kindern. Denn auch hier hat sich in den letzten Jahren ein Umden­ken durchgesetzt: Zahlreiche Studien lassen vermuten, dass die Beikost­einführung ab Beginn des fünften Lebensmonats sinnvoll ist, weil sie die Toleranzentwicklung des Kindes fördert. Es gibt Hinweise darauf, dass vor allem Fisch im ersten Lebensjahr eine schützende Wirkung auf die Entwicklung atopischer Erkrankungen hat. Deswegen empfiehlt die Leitlinie, Fisch mit der Beikost einzuführen.

Ersatz mit Präbiotika

Muttermilch enthält unverdauliche Kohlenhydrate (Oligosaccharide), die den Bakterien im Darm des Säuglings als Nahrung dienen und seine Darmflora positiv beeinflussen. So fanden Forscher bei gestillten Babys mehr der nützlichen Bifido- und Laktobazillen im Stuhl als bei nicht-gestillten Kindern. Hersteller mancher Säuglingsnahrungen versuchen, diesen positiven Effekt der Muttermilch nachzuahmen: Präbiotika-Produkte enthalten Oligosacch­aride. Probiotika-Produkte führen lebende Lakto- und Bifidobakterien zu. Derart angereicherte Säuglingsnahrung kann offenbar das Neurodermitis-Risiko senken. Professor Hamelmann, Bochum, führte zusammen mit anderen Wissenschaftlern Untersuchungen durch, bei denen sie Säuglingen in der Zeit vom zweiten bis sechsten Lebensmonat Bakterienlysate verabreichten.

Dabei handelt es sich um abgetötete, aufgelöste Darmbakterien, die das Immunsystem im Darm direkt stimulieren. Die Ergebnisse zeigen, dass durch die Behandlung zehn Prozent weniger Neurodermitis-Erkrankungen auftraten. In einer ergänzenden Studie untersuchten die Forscher den Zusammenhang zwischen Darmflora und dem Neurodermitis-Risiko noch genauer. »Hier konnten wir zeigen, dass das Vorhandensein älterer Kinder in der Familie in dem Sinne einen günstigen Einfluss auf die Entwicklung der Darm­flora beim Neugeborenen nimmt, dass sich bestimmte Keime vermehrt zeigten und das Risiko für Neurodermitis abnahm. Das bedeutet, dass durch ältere Geschwister ein direkter Einfluss auf das Mikrobiom des Darms genommen wird.«

Große Straßen meiden

Doch Ernährung und Darmflora sind nicht die einzigen Einflussfaktoren bei der Entwicklung einer Allergie. Forscher haben mittlerweile eine ganze Reihe von Umweltfaktoren identifiziert, die das Allergierisiko von Babys und Kleinkindern erhöhen. So scheint das Leben an verkehrsreichen Straßen die Allergieneigung zu fördern. Ungeachtet der aktuellen Diskussion über Grenzwerte für Dieselfahrzeuge hält die Leitlinie schon im Jahr 2014 fest: »Die Exposition gegenüber Stickoxiden und kleinen Partikeln ist mit einem erhöhten Risiko besonders für Asthma verbunden.« Somit sollten Eltern für Spaziergänge mit dem Kinderwagen möglichst weniger befahrene Straßen wählen. Auch andere Luftschadstoffe spielen ein Rolle – allen voran der Tabakrauch. Das Allergie­risiko des Kindes steigt, sowohl wenn es selbst Zigarettenrauch ausgesetzt ist, als auch wenn seine Mutter in der Schwangerschaft aktiv oder passiv geraucht hat. Lässt sich die Exposition von Zigarettenrauch nicht vermeiden, sollten die Räume häufig gelüftet werden. Regelmäßiges Lüften reduziert auch einen anderen Risikofaktor in der Atemluft: Schimmelpilzsporen. Die Leitlinie rät, hohe Luftfeuchtigkeit in Räumen zu vermeiden.

Im europäischen Vergleich gehört Deutschland zu den Ländern mit der höchsten Kaiserschnittrate. Etwa 30 Prozent aller Geburten im Krankenhaus erfolgen per Kaiserschnitt. Dies wird von vielen Experten kritisiert, denn eine medizinische Notwendigkeit ist oft nicht gegeben. Per Kaiserschnitt das Licht der Welt zu erblicken, kann jedenfalls unter dem Aspekt der Allergieprävention von Nachteil sein. Studiendaten zeigen, dass Kaiserschnitt­kinder später eher zu allergischen Erkrankungen neigen, insbesondere zu Asthma und Neurodermitis. Der vermutete Grund: Bei der natürlichen Geburt nimmt das Kind im Geburtskanal schon Bakterien der Mutter auf, die für eine vielfältige Bakterienbesiedelung im Darm und auf der Haut und damit indirekt für die Entwicklung des Immunsystems wichtig sind.

Wenn es um Allergieprävention geht, sind noch weitere Bereiche erwähnenswert – zum Beispiel Haustiere. Nach den Empfehlungen der Leitlinie sollten Haushalte mit Risikokindern keine Katzen anschaffen. Die Haltung von Hunden ist dagegen nicht mit einem erhöhten Allergierisiko verbunden.

Impfgegner behaupten immer wieder einen Zusammenhang zwischen Impfungen und Allergien. Doch hier stellt die Leitlinie klar: »Es gibt keine Belege, dass Impfungen das Allergierisiko erhöhen, aber Hinweise, dass Impfungen das Allergierisiko senken können.« ­Somit empfiehlt sie, alle Kinder, auch Risikokinder, nach den STIKO-Empfehlungen zu impfen.

Gewicht und Allergie-Risiko senken

Ein weiterer Ansatzpunkt zur Allergieprävention betrifft das Körper­gewicht. Zahlreiche Studien zeigen, dass Übergewichtige eher zu Asthma neigen. Die Leitlinie empfiehlt daher, schon bei Kindern auf das Gewicht zu achten und Übergewicht zu ver­meiden.

Man kann sogar noch früher ­ansetzen: beim Körpergewicht der Mutter. Ein hohes Körpergewicht der Mutter vor und während der Schwangerschaft erhöht das Risiko des Kindes, später selbst übergewichtig zu werden, da der Stoffwechsel der Mutter den des Kindes in der Schwangerschaft prägt. Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, schon früh mit der Allergieprävention zu beginnen.

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