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Wieder mit links schreiben?

Wann eine Rückschulung von Linkshändern sinnvoll ist

Noch bis in die 90er-Jahre wurden viele linkshändige Kinder auf rechts umgeschult. Welche Probleme dies mit sich bringt, wie man heutzutage mit Linkshändern umgeht und ob es sinnvoll ist, sie wieder auf die linke Hand zurückzuschulen, darüber berichtet die Leiterin der Ersten deutschen Beratungs- und Informationsstelle für Linkshänder und umgeschulte Linkshänder in München, Johanna Barbara Sattler.
PTA-Forum/dpa
08.08.2019  16:00 Uhr

Anlässlich des Internationalen Tages der Linkshänder am 13. August soll auf die Probleme von Linkshändern aufmerksam gemacht und Verständnis für die oft unter Vorurteilen leidenden Betroffenen geweckt werden.

Genaue Zahlen über den Linkshänder-Anteil in der Bevölkerung gibt es nicht. »Die statistischen Angaben schwanken stark und reichen von niedrigen Prozentsätzen bis zur Hälfte der Bevölkerung«, sagt Sattler gegenüber der Nachrichtenagentur dpa. Sie gehe davon aus, dass Linkshändigkeit genetisch bedingt ist. Bei Linkshändern seien Teile der rechten Hirnhälfte stärker ausgeprägt, bei Rechtshändern Teile der linken.

Wenn Linkshänder die rechte Hand und damit die linke Hirnhälfte stärker nutzen, könne das psychische Folgen haben, erklärt Sattler, die seit den 80er-Jahren zu diesem Thema forscht. Die Umschulung der angeborenen Händigkeit beschreibt die Autorin zahlreicher Bücher und Lehrmaterialien als «einen der massivsten Eingriffe in das menschliche Gehirn ohne Blutvergießen».

Direkte Folgen könnten starke Erschöpfung, Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme, Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten, oder auch Links-Rechts-Unsicherheit, feinmotorische Störungen und Sprachstörungen sein. »Diese Probleme setzen sich bei vielen Menschen in unterschiedliche weitere Dinge um, zum Beispiel Minderwertigkeitskomplexe, Verhaltensstörungen, den Drang zur Überkompensation, Rückzug und emotionale Probleme wie Depressionen bis ins Erwachsenenalter«, so die Psychologin.

Heutzutage sei das Umschulen durch Lehrer oder Eltern nicht mehr das Thema, sondern eher das Nachahmungsverhalten von Kindern, die von ihrer rechtshändigen Umwelt lernen und versuchen, sich anzupassen. Dadurch könne es passieren, dass sich Linkshänder selbst auf rechts umschulen. Ein weiteres Problem: In einigen islamischen Ländern gilt die linke Hand als unrein. »Damit darf man sich zwar den Po abwischen, aber nicht essen oder schreiben«, so Sattler. Kinder aus solchen Familien würden oft umgeschult. Problematisch sei auch, dass das Wissen, wie man Linkshändigkeit erkennt und fördert, bei Erziehern und Pädagogen oft fehle, so die Psychotherapeutin.

Rückschulung wie »physische und psychische Befreiung«

»Viele finden nach einer Rückschulung zu ihren wahren Interessen. Ich habe bei ganz vielen Erwachsenen miterlebt, dass sie noch einmal studiert oder den Beruf gewechselt haben, weil sie plötzlich wussten, wo sie hinwollten«, erklärt die Marina Neumann, umgeschulte Linkshänderin, die sich vor 20 Jahren selbst beibrachte, wieder mit links zu schreiben. »Die Rückschulung war für mich eine körperliche und psychische Befreiung«. Inzwischen bietet sie Rückschulungen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene anbietet. Dies sei aber oft ein längerer Prozess. Doch bei Kindern stellten sich oft schnell Erfolge ein: »Sie können sich besser konzentrieren, werden viel ruhiger und leistungsstärker in der Schule«, berichtet die Therapeutin.

Barbara Sattler empfiehlt nicht jedem eine Rückschulung. »Das hängt stark vom Einzelfall ab. Menschen mit Multipler Sklerose oder Epilepsie würde ich beispielsweise nicht zurückschulen.« Die Krankheiten könnten sich noch vertiefen. Sie habe schon Fälle gehabt, in denen eine Rückschulung nicht geglückt sei. »Ich empfehle immer auch, während der Rückschulung der Händigkeit eine Psychotherapie zu machen, denn die Veränderungen sind sehr komplex.«

Sattler hat ein Netzwerk von Linkshänder-Beratern in ganz Deutschland aufgebaut, die nach einer von ihr entwickelten Methode arbeiten. »Anfangs war auch ich sehr vorsichtig. Aber wenn die erzwungene Rechtshändigkeit die Ursache der Probleme ist, sollte man sie angehen«, ist hingegen Marina Neumann überzeugt. Auf jeden Fall muss man sich Zeit nehmen, da sind sich beide einig. »Sonst bleibt es etwas Halbes, die Automatisierung der Schrift und des Denkens wird nicht genügend gefestigt«, betont Sattler.

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