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SARS-CoV-2

Warum »kontrollierte Durchseuchung« keine gute Idee ist

Eine »kontrollierte Durchseuchung« bestimmter Altersgruppen mit dem Coronavirus mit dem Ziel der Herdenimmunität und zur Wiederaufnahme des normalen Sozial- und Wirtschaftslebens ist keine Option und hätte dramatische Konsequenzen. Darauf macht Professor Bernd Salzberger, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) aufmerksam und kritisiert diese Idee scharf.
Katja Egermeier
07.04.2020  13:00 Uhr

Selbst wenn die Restrikitionen für ältere Menschen aufrecht erhalten blieben: Ein wirksamer Schutz der besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen – dazu gehören Senioren und Menschen mit schweren Grunderkrankungen – sei damit nicht zu gewährleisten, erklärt er in einer Pressemeldung der DGI.

Die DGI reagiert mit diesem Schreiben auf die in der Öffentlichkeit zunehmend laut werdenden Forderungen, die öffentlichen Beschränkungen zur Eindämmung der SARS-CoV-2-Epidemie bald aufzuheben und im Rahmen einer »kontrollierten Durchseuchung« bestimmter Altersgruppen – zum Beispiel der unter 60-Jährigen – eine Herdenimmunität zu erzeugen. Für Risikogruppen sollten die Restriktionen aus Sicht der Befürworter dieser Strategie dagegen erhalten bleiben. Als Begründung für ein solches Vorgehen wird die rasche Erzeugung einer Herdenimmunität als notwendige Voraussetzung für die Kontrolle der Epidemie angeführt.

Auch junge Menschen würden sterben

Die DGI ist entschieden gegen ein solches Vorgehen. »Es gibt überhaupt keinen Präzedenzfall für das Funktionieren einer ›kontrollierten Durchseuchung‹«, erklärt Salzberger. Wenn das Virus breit in der jüngeren Bevölkerung zirkuliere, müsse man damit rechnen, dass die Infektionen bei Jüngeren in einer Art ›spillover-Effekt‹ – einem Ausstrahlungseffekt mit über den eigentlichen Zielbereich hinausgehenden Wirkungen – auch auf andere Altersgruppen übertragen werde.

»Wir müssten mit deutlich über 100.000 Toten allein bei den Unter-60-Jährigen rechnen.«
Professor Dr. med. Gerd Fätkenheuer, Vorstandsmitglied der DGI

Dabei ist diese Strategie aus Sicht von Professor Gerd Fätkenheuer, Vorstandsmitglied der DGI, nicht nur für die bekannten Risikogruppen fatal. Er weist darauf hin, dass die Sterblichkeit durch Covid-19 bei älteren Menschen zwar deutlich höher ist. Doch die Zahl der Todesfälle wäre bei ungebremster Ausbreitung auch unter jüngeren Menschen gewaltig. »Wir müssten mit deutlich über 100.000 Toten allein bei den Unter-60-Jährigen rechnen. Das lässt sich aus den Daten, die uns zu dieser Infektion vorliegen, ableiten.«

Verlangsamung und andere Maßnahmen zur Epidemie-Kontrolle

Statt sich auf ein solches Szenario mit absehbar katastrophalen Folgen einzulassen, plädiert die DGI weiterhin für eine Verlangsamung des Infektionsgeschehens in allen Altersgruppen und empfiehlt eine Überwachung und Kontrolle der Infektionen auf andere Weise.

Dazu seien mehr Testkapazitäten sowie die Isolation positiv auf das Coronavirus getesteter Personen dringend notwendig. Maßnahmen, die bei der Kontrolle der Epidemie zudem helfen können, sind aus Sicht der DGI das Smartphone-Tracking über die sich schon in der Testphase befindliche Covid-19-App und das Tragen von Gesichtsmasken bei direktem Personenkontakt.

Zwar bewahre der Mund-Nasen-Schutz einen Gesunden nicht vor einer Infektion. »Er kann jedoch helfen, dass ein Infizierter die Viren nicht per Tröpfcheninfektion an andere weitergibt«, so Salzberger. Mit steigenden Infektionszahlen könne das Tragen eines Mundschutzes ein wichtiger Teil der Gesamtstrategie sein. Um dem Gesundheitssystem die dringend benötigte medizinische Ausrüstung nicht vorzuenthalten, solle in der Bevölkerung jedoch auf selbstgemachte Masken zurückgegriffen werden.

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