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Riechen und schmecken

Was der Geruchssinn mit Krankheiten zu tun hat

Der Geruch kann in zweierlei Hinsicht bei Erkrankungen interessant sein: Nehmen wir keinen Geruch mehr wahr, kann dies ein Symptom für eine Krankheit sein. Doch kann sich auch der Körpergeruch im Zuge einer Erkrankung ändern und dadurch auf eben diese hinweisen. Bei manchen Krankheiten trifft beides zu.
Judith Schmitz
16.02.2021  15:45 Uhr

Die Arbeitsgruppe um Professor Dr. Thomas Hummel vom interdisziplinären Zentrum »Riechen und Schmecken« der Universitäts-HNO Klinik Dresden hat während der ersten Coronavirus-Welle eine Studie zum Riechverlust bei Patienten durchgeführt, die Anzeichen einer Covid-19-Erkrankung zeigten. Im Gespräch mit PTA-Forum erklärt der Experte: »Wir und andere Forscherteams haben entdeckt, dass rund 60 Prozent der Covid-19-Kranken eine Riechstörung als ein frühes Symptom entwickeln. Die Störung ist neu, tritt plötzlich auf und geht mit einem deutlichen Riechverlust einher.«

Diese Kriterien seien wichtig, denn gut 20 Prozent der Bevölkerung riechen nicht mehr so gut. Der Großteil hat den Geruchssinn altersbedingt eingebüßt. Aber auch eine unerkannte chronische Nasennebenhöhlenentzündung kann die Ursache sein. Im Falle einer möglichen Covid-19-Infektion dient der Geruchsverlust inzwischen als ein früher Marker auch bei fehlenden oder nur schwach ausgebildeten weiteren Symptomen.

Eine Riechstörung kann auch Vorbote einer neurologischen Erkrankung wie Morbus Parkinson oder Morbus Alzheimer sein. Die olfaktorischen Verluste sind bei beiden ähnlich schwer. Jedoch: Allein durch das schlechte Abschneiden bei einem Riechtest kann weder darauf geschlossen werden, dass der Patient eine neurologische Erkrankung entwickeln wird, noch um welche Erkrankung es sich konkret handeln wird. Untersuchungen haben im Fall von Morbus Parkinson gezeigt, dass eine Riechstörung vier bis zehn Jahre vor weiteren neurologischen Symptomen auftreten kann.

Vorboten für Krankheiten

Was Morbus Parkinson betrifft, haben Professor Hummel und sein Team herausgefunden, dass die Kombination aus Riech- und Schmeckverlust sogar ein noch stärkerer Marker für das Auftreten dieser Krankheit ist als der Geruchsverlust allein. Dem Arzt ist es allerdings wichtig zu betonen, dass obwohl 90 Prozent der Parkinson-Patienten eine Riechstörung haben, umgekehrt nur eine kleine Minderheit der Personen mit einer Riechstörung diese neurologische Erkrankung entwickelt. Das gelte selbst dann, wenn Verwandte an Parkinson erkrankt sind.

Wer an einer Riechstörung leidet, sollte auf jeden Fall zum Arzt gehen, damit die genaue Ursache abgeklärt, möglicherweise eine geeignete Therapie eingeleitet und das weitere Vorgehen besprochen werden kann. Dabei kann auch entschieden werden, ob es sinnvoll ist, sich einmal jährlich oder alle zwei Jahre neurologisch untersuchen zu lassen. Zur Behandlung der Riechstörung kann ein Riechtraining helfen. Unterstützend wirken kann die Gabe von Vitamin A als Nasentropfen (wie Coldastopp® Nasenöl) zur besseren Erholung der Nasenschleimhaut.

Spezielle Ausdünstungen

Bestimmte Körpergerüche lassen sich aber auch Krankheiten zuschreiben. So deutet ein leicht süßlich-fruchtiger Acetongeruch auf Diabetes, ein übel riechender Ausfluss auf eine Vaginalerkrankung hin. Patienten mit der Stoffwechselerkrankung Trimethylaminurie riechen nach altem Fisch. Über den Schweiß oder Urin sondern sie eröhte Mengen Trimethylamin ab. Schon Ärzte der Antike wie Hippocrates rochen um 400 v. Chr. für die Diagnose am Atem ihrer Patienten.

Auch Covid-19 hat einen speziellen Geruch – zumindest für Hunde. Dank ihrer viel größeren Anzahl an Chemorezeptoren und Riechzellen haben sie einen ausgeprägteren Geruchssinn als Menschen. In einem Pilotprojekt werden seit September 2020 trainierte Hunde am Flughafen von Helsinki zur Identifizierung von Coronavirus-Infizierten eingesetzt.

Die Testung erfolgt dort auf freiwilliger Basis. Dafür wird mit einem Tuch über die Haut an Unterarm, Stirn und Nacken gestrichen und dieses dann in einen Behälter gelegt. In einem Nebenraum schnüffelt der Hund an dieser und anderen Proben. Schlägt er bei einer Probe an, werden die Daten der dazugehörigen Person an das Universitätsklinikum Helsinki weitergeleitet.

Die Identifizierung über den Hund scheint schneller als mit bisherigen Tests zu funktionieren. In Sekunden bis wenigen Minuten können die Vierbeiner eine Coronavirus-Infektion erkennen. Die Vierbeiner können das Virus offenbar direkt nach der Infektion und damit auch bei asymptomatischen Menschen Tage vor dem ersten Auftreten von Symptomen erschnüffeln. Mit Laboruntersuchungen geht das nicht. Selbst infizieren können sich die Hunde mit dem Coronavirus nicht. Studien haben gezeigt, dass ihnen der Rezeptor fehlt, an den SARS-CoV-2 zum Eindringen andockt.

Hunde und Ratten

Auch in Großbritannien bildet die Organisation Medical Detection Dogs einige ihrer Vierbeiner zu SARS-CoV-2-Schnüffelhunden im Rahmen einer Studie aus. Bislang trainierte die Organisation Hunde etwa zum Erriechen von Krebs, Diabetes-Typ-I und Malaria. Dabei gehe es in erster Linie nicht um den Ersatz von Corona-Tests. Vielmehr sollen die Hunde in einer späteren Phase dort eingesetzt werden, wo viele Menschen zusammenkommen und schnell auf das Virus gescreent werden müssen etwa am Flughafen, in Sportstadien oder in Altenheimen.

In Deutschland ist es dagegen um die Corona-Riechhunde still geworden. Zu Nachfragen bezüglich einer im vergangenen Sommer veröffentlichten Studie der Hochschule Hannover über Hunde, die inaktiviertes SARS-CoV-2-Virus in Speichelproben infizierter Menschen erschnüffeln können, wird keine Stellung genommen. Das Deutsche Assistenzhunde-Zentrum in Mainz als private Organisation trainiert ihre Hunde im kleinen Rahmen anhand von Schweißproben auf SARS-CoV-2. Petra Köhler, Hundetrainerin am Zentrum sagt gegenüber PTA-Forum, dass »die Corona-Hunde in Deutschland vermutlich leider nicht zum Einsatz kommen werden«. Zu hoch seien die Hürden, etwa die Auflagen der Gesundheitsämter.

In einigen Ländern Afrikas werden sogar Ratten für Geruchsscreenings auf Tuberkulose eingesetzt. Nach ihrer Ausbildung schnüffeln diese sogenannten Hero-Rats an Sputumproben. Die Tiere haben eine Erfolgsquote von etwa 75 Prozent. Von den Ratten als positiv identifizierte Proben werden mit anerkannten diagnostischen Verfahren kontrolliert. Alles in allem ist dieser Vorgang preisgünstiger und schneller als die Bearbeitung allein mit technischen Mitteln.

Geruch als Hinweisgeber

Basis der Geruchserkennung sind flüchtige Kohlenwasserstoffe (VOCs, volatile organic compounds), die Tiere und zum Teil auch Menschen als Duftstoffe wahrnehmen. Einige sind allerdings auch geruchlos. Die flüchtigen Kohlenwasserstoffe werden im Rahmen des Stoffwechsels von verschiedenen Zellen ausgeschieden. Die Zusammensetzung all dieser Verbindungen macht den spezifischen Geruchs-Fingerabdruck, das spezifische VOC-Muster, aus. Es ist abhängig vom Alter, der Ernährung, dem Geschlecht, dem physiologischen Status und möglicherweise den Genen.

Pathologische Prozesse wie Infektionen, Stoffwechselstörungen oder Krebserkrankungen können ihn beeinflussen: Neue flüchtige Kohlenwasserstoffe werden gebildet oder das Mengenverhältnis der angestammten VOCs verändert sich untereinander. So bilden etwa viele Bakterien selbst VOCs. Lungenkrebsspezifische VOCs wurden nachgewiesen und könnten möglicherweise für Screenings eingesetzt werden. Sie werden freigesetzt, noch bevor Symptome auftreten. Mit speziellen Nachweisverfahren der Massenspektrometrie und Gaschromatographie lassen sich charakteristische Geruchskomponenten nachweisen, wie es etwa den Parkinsonforschern gelang und was auch Tuberkuloseforscher versuchen. Auf diese Weise sollen Biomarker identifiziert werden, mit deren Hilfe Menschen frühzeitig auf verschiedene Krankheiten und Subtypen dieser Krankheiten getestet werden können.

Allerdings braucht man zusätzlich noch zuverlässige »elektronische Nasen« für die klinische Praxis, um auf krankheitsspezifische flüchtige Biomarker untersuchen zu können. Seit den 1980er-Jahren sind sie in der Entwicklung. Die Geräte verwenden Gassensoren und Mustererkennungssysteme, um VOC-Proben zu analysieren und zu charakterisieren, ohne den Geruchsmix in seine einzelnen Komponenten trennen zu müssen. Das Frauenhofer Institut entwickelt ein neues Verfahren, mit dem sich Krankheiten anhand der Atemluft identifizieren lassen. Es soll für Krebsscreenings eingesetzt werden. Ob damit auch Covid-19-Infizierte identifiziert werden können, wird geprüft.

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