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Neue Virus-Variante

Was die Corona-Mutation für uns bedeuten könnte

Es sind minimale Veränderungen im Erbgut, doch die haben es in sich: Bestimmte neue Varianten des Coronavirus Sars-CoV-2 verbreiten sich offenbar schneller als die bisher kursierenden. Die Folgen davon könnten sein: mehr Infizierte, mehr Kranke, eine höhere Belastung des Gesundheitssystems, mehr Tote. Ist deshalb nun eine härtere Gangart notwendig, um auf diese Bedrohung zu reagieren?
dpa
05.01.2021  14:30 Uhr

Viren verändern sich mit der Zeit. Dabei geht es um Mutationen, winzige Modifizierungen im Erbgut. Sie können die Eigenschaften eines Virus beeinflussen, ihn also beispielsweise harmloser oder auch gefährlicher machen. Bei SARS-CoV-2 haben solche Mutationen das Virus offenbar leichter übertragbar gemacht. Eine Variante, B.1.1.7, wurde zunächst in Großbritannien nachgewiesen, ist aber mittlerweile in mehreren weiteren Ländern bestätigt – auch in Deutschland. Zudem meldete Südafrika Mitte Dezember eine weitere Variante, 501Y.V2. Die beiden Varianten ähneln sich zwar genetisch, sind laut Weltgesundheitsorganisation WHO aber unabhängig voneinander entstanden.

Bald auch in Deutschland dominierend

Forscher betonen, dass die neue Variante B.1.1.7 eine Eindämmung der Pandemie erschweren könnte. Es erscheine anhand der verfügbaren Daten wahrscheinlich, dass diese bald auch in Deutschland die dominierende Variante sein werde, meint etwa der Virologe Jörg Timm von der Uniklinik Düsseldorf. »Ich halte eine Senkung der Fallzahlen grundsätzlich für eine nachhaltige Infektionskontrolle für notwendig. Wenn die Daten zur erhöhten Ansteckungsfähigkeit der neuen Variante stimmen – und davon gehe ich aus – dann wird die Aufgabe sicherlich schwieriger.«

Wie weit die Variante B.1.1.7 hierzulande bereits verbreitet ist, ist nicht ganz klar. Ein Grund dafür: In Deutschland wird bei Corona-Infizierten deutlich seltener das Virus-Erbgut entziffert als etwa in Großbritannien. Das ist aber wichtig, um frühzeitig neu entstandene Varianten zu entdecken. Bislang sind bei uns nur vereinzelt Fälle von B.1.1.7 bekannt geworden, etwa in Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen. Das Robert-Koch-Institut (RKI) erwartet aber, dass weitere Fälle hinzukommen.

Schnellere Verbreitung wahrscheinlich

Fachleute gehen momentan nicht davon aus, dass die bislang zugelassenen Corona-Impfstoffe schlechter gegen die beiden Varianten wirken – allerdings ist nicht ausgeschlossen, dass sich solche Erreger noch bilden können. Auch ein schwererer Krankheitsverlauf durch B.1.1.7 wird nicht angenommen.

Allerdings verdichten sich die Hinweise, dass sich die in Großbritannien nachgewiesene Variante deutlich schneller verbreitet als frühere Formen. So kam ein britisches Forscherteam um Erik Volz vom Imperial College London zu dem Schluss, dass bei B.1.1.7 der sogenannte R-Wert unter den Bedingungen vor Ort um 0,4 bis 0,7 höher ist. Der R-Wert gibt an, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Schnitt ansteckt. In Deutschland liegt der R-Wert laut RKI momentan um 1, wobei dabei nicht nach Varianten unterschieden wird.

Schwer einzuordnen

Dem Virologen Christian Drosten zufolge sind noch viele Fragen offen um die neue Corona-Variante. »Das ist ganz schwer einzuordnen, immer noch«, sagte der Leiter der Virologie an der Berliner Charité im Podcast »Coronavirus-Update« bei NDR-Info.

»Ich gehe davon aus, dass wir, sagen wir, vielleicht bis Ostern oder bis Mai ganz klare experimentelle Evidenz haben, ob jetzt dieses Virus übertragbarer und gefährlicher ist oder nicht. Aber das wird einfach dauern.« Derzeit werde noch zusammengetragen, wie verbreitet die neue Variante in Deutschland ist, schilderte der Virologe. Nachdem er auch Daten aus Dänemark zum Thema gesehen habe, sei er der Ansicht, dass die Variante ernst genommen werden müsse.

In Hinblick auf die Wirksamkeit der Impfung bekräftigte Drosten: »Da haben wir im Moment keine großen Sorgen.« Die Sorge sei vielmehr, dass die Variante im Vergleich zu früheren Formen einen deutlich höheren R-Wert haben könnte, etwa von 1,5 statt von 1. Sollte sich ein solches Szenario bestätigen, wäre es Drosten zufolge ein Problem. »Das ist ja ein exponentielles Phänomen«, betonte er. Der Virologe äußerte aber auch schon wiederholt die Hoffnung, dass B.1.1.7 weniger stark krank machen könnte.

Weiteres Vorgehen in der Pandemie

Über das weitere Vorgehen in der Pandemie wollen heute Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Regierungschefs der Länder beraten. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach forderte im Vorfeld mit Verweis auf die neue Virus-Variante: »Es muss einen konsequenten Shutdown geben, um die Neuinzidenz-Rate auf 25 pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen zu senken.«

Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) warnte vor vorschnellen Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Bund und Länder dürften keine weiteren Risiken eingehen, insbesondere mit Blick auf B.1.1.7, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe.

»Wir müssen mit wirklich harten Maßnahmen die Ausbreitung von SARS-CoV-2 und seinen neuen Varianten bremsen«, hatte Jeremy Farrar dem »Spiegel« gesagt. Er spricht sich recht deutlich gegen eine rasche Öffnung der Schulen in Deutschland aus. »Eine solche Maßnahme würde die Verbreitung des Virus und der neuen Variante stark beschleunigen«, sagte Farrar, der Direktor des Wellcome Trust, einer großen Stiftung zur Förderung von Gesundheitsforschung, ist.

Adam Lauring, ein Experte für Evolution von RNA-Viren an der US-amerikanischen Universität Michigan, sagte in einem Podcast: »Entscheidungsträger werden darüber nachdenken, was sie mit Blick auf Corona-Regeln tun müssen.« Weil sich die Variante schneller ausbreite, müssten solche Maßnahmen strenger sein, um den gleichen Effekt bei der Eindämmung zu erzielen. »Wir müssen besser bei den Maßnahmen werden, um das Virus zu kontrollieren. Falls nicht, werden wir mehr Corona-Fälle sehen.« Das bedeute dann auch mehr schwere Erkrankungen und mehr Tote.

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