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Beim Experten nachgefragt

Was kann Vitamin D wirklich?

Vitamin D scheint ein Alleskönner zu sein: Neben seiner Wirkung auf die Knochen soll es auch das Immunsystem stärken. Besonders vor dem Hintergrund der aktuellen Coronavirus-Pandemie steigt momentan die Nachfrage. Doch welche Effekte hat das Sonnenvitamin wirklich und für wen ist eine Einnahme sinnvoll? PTA-Forum hat hierzu einen Experten befragt.
Michelle Haß
11.12.2020  14:00 Uhr

»Eine Substitution mit Vitamin D3 in den Wintermonaten ist sicherlich sinnvoll«, sagt Professor Dr. Dieter Steinhilber von der Pharmazeutischen Chemie an der Goethe-Universität Frankfurt, im Gespräch mit PTA-Forum. Zwar ist der menschliche Organismus dazu imstande, das Vitamin mithilfe von Sonnenlicht selbstständig zu synthetisieren, doch gerade im Winter reicht die Zeit, welche die Menschen in der Sonne verbringen, nicht aus, um genügend Vitamin D zu produzieren. Untersuchungen hätten gezeigt, dass hierzulande bei einem Großteil der Bevölkerung in den dunklen Wintermonaten ein Vitamin-D-Mangel vorliege, sagt Steinhilber.

Die Effekte, die dem Sonnenvitamin nachgesagt werden, sind dabei relativ vielfältig. Nicht selten wird es als geheimes Wundermittel vermarktet. Doch einige Wirkungen sind inzwischen ausreichend gut belegt. So teilte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) in einer Pressemitteilung Ende November mit, dass eine gute Versorgung mit Vitamin D nicht nur wichtig für die Knochengesundheit sei, sondern auch vor akuten Atemwegserkrankungen wie Erkältungen schützen könne. Das habe eine Übersichtsarbeit gezeigt, die unter anderem die Zusammenhänge zwischen Vitamin D und Atemwegs- und Autoimmunerkrankungen untersuchte. Darin wurde ein inverser Zusammenhang zwischen dem Vitamin-D-Status und dem Risiko für akute Atemwegsinfektionen beobachtet: Je niedriger der Vitamin-D-Status, desto höher war das Risiko für Atemwegsinfektionen.

Immunsystem stärken

»Klinische Studien haben nachgewiesen, dass Infektionskrankheiten durch eine Viatmin-D-Substitution reduziert werden können – vor allem dann, wenn die Betroffenen einen relativ niedrigen Spiegel haben«, erklärt Steinhilber. Diese Effekte ließen sich auf die immunmodulatorische Wirkung des Hormons zurückführen. »Literaturdaten belegen, dass Vitamin D beziehungsweise die Wirkform Calcitriol das angeborene Immunsystem stärkt.« So steigert es unter anderem die Aktivität von Phagozyten, induziert die Freisetzung antimikrobieller Peptide und hemmt die Synthese inflammatorischer Zytokine.

Dabei gehen Experten inzwischen nicht mehr nur noch von einer endokrinen Wirkung des Hormons aus, sondern auch von lokalen Effekten. Nach Lehrbuchmeinung wird Vitamin D3 in der Niere in seine aktive Form Calcitriol überführt und gelangt von dort über die Blutbahn an den Wirkort. Doch Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Niere nicht der einzige Ort der Bioaktivierung ist, sondern dass auch andere Organe und Zelltypen wie Leukozyten und Monozyten dazu imstande seien, so Steinhilber. »Bei einer Immunreaktion kann Calcitriol also lokal aktiviert werden und vor Ort seine Wirkung entfalten.«

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