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Unfruchtbarkeit

Was Mann tun kann

Jedes sechste Paar leidet zumindest zeitweise unter einem unerfüllten Kinderwunsch. Die Ursachen dafür liegen nicht immer bei der Frau. Beim Mann reichen sie von hormonellen Störungen über eingeschränkte Samenqualität bis hin zu Krampfadern am Samenleiter.
Barbara Erbe
05.08.2019
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Von Fruchtbarkeitsstörungen sprechen Mediziner frühestens, wenn ein Paar ein Jahr lang regelmäßig ohne Verhütungsmittel miteinander verkehrt und dennoch keine Schwangerschaft einsetzt. »Ein Jahr klingt aber länger als es ist«, verdeutlicht Dr. Christian Leiber, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Andrologie (DGA), im Gespräch mit PTA-Forum. »Denn letztlich birgt es nur zwölf Eisprünge und damit zwölf Chancen auf eine Schwangerschaft.«

Auch für uneingeschränkt fruchtbare Paare liege die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des ersten Wunschjahres ein Kind zu bekommen, bei 60 bis 70 Prozent. »Es hilft allerdings, wenn das Paar mehrmals um die fruchtbaren Tage des Eisprungs herum Verkehr miteinander hat«, betont der Urologe. Die Samenzellen überleben im weiblichen Genitaltrakt bis zu fünf Tage. Nach zwei Jahren habe sich der Kinderwunsch bei 98 Prozent der gesunden Paare erfüllt. »Wenn es dann immer noch nicht geklappt hat, liegt wahrscheinlich eine Störung vor.«

Die betrifft dem Arzt zufolge in rund 50 Prozent der Fälle die Frau, bei 20 bis 30 Prozent den Mann und zu ebenfalls 20 bis 30 Prozent beide Partner. Beim Mann kommen vor allem hormonelle Störungen, eine eingeschränkte Samenqualität–beispielsweise zu wenige, nicht ausreichend bewegliche oder fehlgebildete Samenzellen - oder verschlossene Samenleiter, durch die beim Samenerguss keine Spermien nach außen gelangen können, als Ursache infrage.

Wunsch nach Klärung

Ungewollte Kinderlosigkeit – oder auch kein weiteres Kind zu bekommen – ist für die meisten Betroffenen sehr belastend. Der Urologe und Oberarzt am Universitätsklinikum Freiburg findet es daher verständlich, wenn Paare bereits nach einem Jahr medizinische Klärung und gegebenenfalls Hilfe suchen – auch wenn es durchaus möglich ist, dass das Paar noch auf normalem Weg Kinder bekommt und es nur etwas länger dauert. In Europa bekommen Schätzungen zufolge etwa 1 bis 2 von 100 Paaren, die seit mehreren Jahren nicht verhüten und regelmäßig Geschlechtsverkehr haben, kein erstes Kind; etwa 10 von 100 Frauen, die schon mindestens ein Kind haben und sich noch ein Kind wünschen, bekommen kein weiteres.

Zur Klärung der Ursachen für eine ungewollte Kinderlosigkeit gehört ein ausführliches Gespräch mit der Ärztin oder dem Arzt ebenso wie körperliche Untersuchungen einschließlich einer Blutprobe, mit deren Hilfe sich in der Regel der Hormonspiegel bestimmen lässt. Beim Mann wird außerdem eine Samenprobe untersucht, bei der Frau mittels Ultraschall Gebärmutter, Eierstöcke und Eileiter.

Ein auffälliges Spermiogramm bedeutet allerdings nicht automatisch, dass der Mann unfruchtbar ist, betont Dr. Thorsten Diemer, Leiter der Andrologie am Universitätsklinikum Gießen und Marburg. »So können beispielsweise Stress, Rauchen, Übergewicht oder übermäßiger Alkoholkonsum die Qualität der Samenzellen vorübergehend beeinträchtigen, ebenso natürlich eine Krankheit.« Da Spermien sechs Wochen lang reifen, kann deren Qualität beispielsweise noch Wochen nach einer Grippe deutlich niedriger sein als normalerweise. Auf einen auffälligen Befund sollte in jedem Fall im Abstand von mindestens sieben Tagen eine weitere Spermauntersuchung folgen.

Insemination und künstliche Befruchtung

Stelle sich dann heraus, dass die Spermienqualität tatsächlich eingeschränkt ist, lasse sich medikamentös nur wenig machen, berichtet Leiber. »Es gibt einige positive Erfahrungen mit dem Off-Label-Use des Arzneistoffs Tamoxifen«, erklärt der Androloge. Der selektive Estrogenrezeptormodulator wird in der Brustkrebstherapie eingesetzt. Die Therapie führt zu einer vermehrten Ausschüttung des follikelstimulierenden Hormons (FSH), das beim Mann die Entstehung neuer Spermien anregt. Etliche Hersteller böten zudem verschiedene Nahrungsergänzungsmittel an, um die Fruchtbarkeit des Mannes zu steigern. Für deren Wirksamkeit gebe es aber keine wissenschaftlichen Belege, so Leiber.

Bilden sich im Hoden des Mannes nur sehr wenige Spermien oder bewegen diese sich nur schwach, kann der Samen direkt in die Gebärmutter der Frau übertragen werden. Eine solche Insemination kommt auch dann infrage, wenn ein Paar keinen Geschlechtsverkehr haben kann oder wenn die Samenzellen den Schleim im Bereich des Gebärmutterhalses (Zervixschleim) nicht durchdringen können. Bei einer künstlichen Befruchtung (In-vitro-Fertilisation, IVF) wiederum werden der Frau mit einer dünnen Hohlnadel durch die Scheide Eizellen entnommen und mit den Spermien des Mannes zusammengebracht. Zuvor werden die Eierstöcke der Frau mittels einer Hormonbehandlung angeregt. Bei der intracytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) wird eine Samenzelle direkt mit einer feinen Nadel in eine Eizelle eingespritzt. War die Befruchtung erfolgreich, werden bis zu drei Embryonen in die Gebärmutter eingesetzt.

Krampfader-Operation

Auch eine Krampfader am Samenstrang (Varikozele) könne die Fruchtbarkeit eines Mannes verringern, erläutert Leiber. Fachleute vermuten, dass der Hoden wegen der Krampfader möglicherweise schlechter durchblutet wird, oder auch, dass der Blutstau im Hodensack dazu führen könnte, dass die Temperatur dort steigt und die Spermienproduktion beeinträchtigt.

Um zu erreichen, dass sich das Blut im Hoden nicht mehr staut, kommt eine Verödung (Sklerosierung) oder auch eine Operation (Abbinden oder Abtrennen) der Krampfadern infrage. Wenn die betroffenen Venen verschlossen sind, kann das Blut über benachbarte, gesunde Venen abfließen.

Von einem solchen Eingriff erholt sich der Mann normalerweise innerhalb eines Tages. Unerwünschte Nebenwirkungen dieser Operation können Blutergüsse, Infektionen, Nervenverletzungen oder Wassereinlagerungen im Hoden sein. Darüber hinaus können Varikozelen nach einem Eingriff auch wiederkehren. »Belegt ist aber trotz allem, dass die Behandlung einer Krampfader am Samenstrang dazu beitragen kann, die männliche Fruchtbarkeit zu erhöhen«, resümiert Leiber.

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