PTA-Forum online
Probiotika für die Haut

Was Mikrobiom-Kosmetik kann – und was nicht

Was hat eine gepflegte Haut mit Mikroorganismen zu tun? Eine ganze Menge. PTA-Forum hat bei einer Expertin nachgefragt, ob sogenannte Mikrobiom-Kosmetika halten, was die Werbung verspricht.
Elke Wolf
26.07.2021  08:30 Uhr

Hautpflege, die ein ausbalanciertes Hautmikrobiom fördern soll, ist ein neuer Trend in der Dermokosmetik. Doch tragen solche Zubereitungen wirklich zur Stärkung einer intakten Hautbarriere bei? »Prinzipiell ist es absolut sinnvoll, das Mikrobiom aufzubauen und die Barriere zu stabilisieren«, erklärt Professorin Dr. Christiane Bayerl, Direktorin der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Helios Dr. Horst Schmidt Kliniken in Wiesbaden, im Gespräch mit PTA-Forum. »Doch nicht alles, was sich als Mikrobiom-Kosmetikum darstellt, enthält auch prä- oder probiotische Extrakte. Per se ist es ja sinnvoll, eine irritative Dermatitis oder eine trockene Haut mit Ceramiden, Lipiden oder pH-Wert-stabilisierenden Substanzen zu versorgen, damit sich die natürliche Hautflora wieder aufbaut.« Die Klassiker unter den Haut-Probiotika sind Lactobacillen und Bifidobakterien, die etwa gern gegen Ekzeme eingesetzt werden.

Das Ökosystem auf der Hautoberfläche in seiner Ausgewogenheit zu unterstützen, ist zwar ein sinnvoller Ansatz, in der Praxis aber gar nicht so einfach, »da man erstmal wissen müsste, wie das gesunde Mikrobiom an welcher Körperstelle überhaupt aussieht. Wir haben die unterschiedlichsten Mikrobiome auf unserer Haut, sie sind nach Region genau kartiert«, weiß die Expertin der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG). Die Wissenschaft geht derzeit davon aus, dass die Mikrobengemeinschaft auf unserer Haut aus etwa 37 Millionen Exemplaren besteht. Auch Pilze, Viren und Archaeen sind dabei. Da aber Bakterien mengenmäßig den weitaus größten Teil ausmachen, werden sie oft stellvertretend für das Hautmikrobiom genannt.

Die Mikroben verteilen sich nicht gleichmäßig über den menschlichen Körper. Vielmehr unterscheidet sich ihre Zusammensetzung abhängig davon, welches Mikroklima das jeweilige Hautareal aufweist (feucht, trocken, fettig). So werden bedeckte Körperregionen wie Achselhöhlen, Zehenbereich oder Leistengegend von feuchtigkeits- und wärmeliebenden Mikroben besiedelt, zum Beispiel gramnegativen oder coryneformen Bakterien oder Staphylococcus aureus. Hautzonen mit zahlreichen Talgdrüsen wie Gesicht, Ausschnitt und oberer Rückenbereich lieben dagegen lipophile Mikroben wie Propionibakterien und Hefepilze (Malassezia). Und trockene Hautstellen wie Arme und Beine weisen weniger Mikroben, zum Beispiel Staphylokokken, auf als feuchte.

Das Hautmikrobiom unterliegt Einflüssen wie Alter, Geschlecht und Umgebung. Bayerl: »Junge Menschen haben ein relativ breites Spektrum mit vielen Keimen, Senioren dagegen eine eher schmale Mikrobenvielfalt. Es scheint also im Laufe des Lebens mit dem Immunsystem auch das Mikrobiom mitzualtern.« Und auch die Art und Weise, wie man lebt - ländlich oder urban, mit oder ohne Haustier - schlägt sich im Mikrobiom nieder. Bei Hundebesitzern fänden sich etwa nach einer gewissen Zeit etwa ein Drittel der Bakterien des Hundes auch auf dem Menschen wieder, ohne Krankheitswert, informiert die Dermatologin.

Bei jedem Menschen ist das residente Mikrobiom individuell zusammengesetzt: quasi ein »mikrobieller Fingerabdruck«. Das verdeutlicht beispielsweise ein Versuch, bei dem verschiedene Teilnehmer einige Stunden in einer Klimakammer zubrachten. Die Luft der Klimakammer wurde abgeleitet und analysiert. Jeder Teilnehmer hinterließ eine individuell zusammengesetzte »Mikrobenwolke« im Raum. Auch die Mikroben auf dem Boden verrieten, welche Person im Raum gewesen war. Dabei fanden sich nicht nur Besiedler der Haut, sondern bei Frauen auch Milchsäurebakterien, die der Vaginalflora zugeordnet wurden. Das zeigt, dass die verschiedenen Mikrobiome eines Menschen eng zusammenhängen und nicht getrennt betrachtet werden können. Obwohl sich das Mikrobiom täglich leicht verändert, ist es stabil genug, um sich über viele Monate hinweg einzelnen Personen zuordnen zu lassen.

Eine Art Puffersystem

Bayerl betont, dass die Haut über ganz erstaunliche Fähigkeiten der Regeneration beziehungsweise über eine Art Puffersystem verfügen muss. Anders sei es nicht zu erklären, dass Studienteilnehmer selbst in gut desinfizierten Krankenhauszimmern zwar für wenige Stunden einige Mikrobiompartikel des Vorgängers annehmen. Diese sind aber schon nach 24 Stunden nicht mehr nachweisbar. »Innerhalb eines Tages passt unser Immunsystem das Mikrobiom wieder auf den ursprünglichen Zustand an, die Haut puffert also im übertragenen Sinn ab«, erklärt Bayerl.

Die Regenerationsfähigkeit der Haut zeige sich auch jetzt in Pandemiezeiten. Das Hautmikrobiom werde durch häufiges Händedesinfizieren nur unwesentlich beeinträchtigt. In Verbindung mit einer intensiven Handpflege regeneriere es sich schon nach kurzer Zeit wieder, sagte die Expertin. Übrigens ganz im Gegenteil zum häufigen Händewaschen mit Seife: Untersuchungen mit Klinikpersonal haben ergeben, dass häufiges Händewaschen mit Detergenzien eher zu irritativen Kontaktekzemen führt als mit viruswirksamen, alkoholischen Desinfektionsmitteln. Bayerl schlägt die Brücke zur Mukositis: »Wir wissen von der Mundschleimhautentzündung, dass Spülungen mit Chlorhexidin einen günstigen Effekt auf die Wiederherstellung des Mikrobioms der Mundschleimhaut haben. Das scheint ähnlich bei der Händedesinfektion zu sein.«

Lernen von Neurodermitis

Viele Erkenntnisse bezüglich des Hautmikrobioms und seiner Schädigung stammen aus der Forschung rund um die Therapie verschiedener Hauterkrankungen. So hat sich bei der Neurodermitis Staphylococcus aureus als zentraler Keim herausgestellt. Auf entzündeten Hautstellen überwächst er alle anderen Bakterien, und so verringert sich die Diversität der Mikrobengemeinschaft. Ein Ansatz für die Therapie besteht darin, durch die Schaffung besserer Wachstumsbedingungen für die nützlichen Bakterien S. aureus zurückzudrängen. Das scheint auch zu funktionieren, informiert Bayerl. »Brachten Forscher Stämme von Staphylococcus epidermidis auf die Haut von Neurodermitis-Patienten auf, ließ sich S. aureus zurückdrängen. S. epidermidis setzt antientzündlich wirkende Botenstoffe frei, deshalb gilt es, diesen zu fördern.«

Auch für die Akne gibt es laut der DDG-Expertin erfolgsversprechende In-vitro-Daten mit Probiotika. »In der Kulturschale lässt sich Cutibacterium acnes, wie das ehemalige Propionibacterium acnes nun genannt wird, gut beeinflussen. Doch diese Strategie wird meines Erachtens beim Menschen nicht gut funktionieren, weil hinter der Akne ein anderer Pathomechanismus steckt und die Verhornungsstörung am Follikelausgang das Hauptproblem darstellt.«

Damit verweist Bayerl auf ein weiteres Manko von Mikrobiom-Zubereitungen: »In-vitro-Daten bergen zwar Potenzial, doch die Studienlage am Menschen ist spannend, aber rar. Überträgt man die Erkenntnisse bei der Neurodermitis auf die zu Entzündungen neigende Haut, dann spielt im Bereich der Pflege der S. epidermidis sicher eine Rolle. Präparate mit Aqua posae filiformis sind etwa in der Lage, S. epidermidis zu unterstützen. Das eignet sich etwa zur Rezidivprophylaxe bei Neurodermitis oder als Rückfettung bei trockener Haut.«

Mehr von Avoxa