PTA-Forum online
Therapie-Apps

Wege zur smarten Behandlung

Mittlerweile unterstützen Apps Patienten bei diversen Erkrankungen. Krankenkassen übernehmen in einigen Fällen sogar die Gebühren. Klare Regelungen zur Kostenübernahme oder zur Qualität sucht man allerdings vergebens. Ein neues Gesetz könnte die Lücken schließen.
Michael van den Heuvel
12.09.2019
Datenschutz

Mittlerweile unterstützen Apps Patienten bei diversen Erkrankungen. Krankenkassen übernehmen in einigen Fällen sogar die Gebühren. Klare Regelungen zur Kostenübernahme oder zur Qualität sucht man allerdings vergebens. Ein neues Gesetz könnte die Lücken schließen.

Die Zukunft der Gesundheit ist digital – das gab jeder zweite Studienteilnehmer bei einer repräsentativen Umfrage des Branchenverbands Bitkom an. Interviewt wurden 1005 Verbraucher ab 16 Jahren. Bei ihnen stehen Apps, die Körper- und Fitnessdaten wie zum Beispiel Herzfrequenz, Blutdruck oder gegangene Schritte aufzeichnen, hoch im Kurs. Solche Tools werden von 24 Prozent der Interviewten genutzt. Aber auch Workout-Apps (17 Prozent) sowie Apps, die auf Grundlage von Vitalparametern Ratschläge zur Verbesserung der Gesundheit geben (15 Prozent), findet man bei jedem sechsten Anwender. 46 Prozent räumten ein, sich aufgrund der digitalen Begleiter tatsächlich mehr zu bewegen, und 34 Prozent achteten eher auf gesunde Lebensmittel. Apps zur psychischen Gesundheit nannten rund sieben Prozent. Vom Lifestyle-Gadget zur therapeutischen Anwendung ist der Weg nicht weit.

Bestes Beispiel ist das metabolische Syndrom, eine Kombination aus hohem Blutdruck, Übergewicht bis hin zur Adipositas, Störungen des Fettstoffwechsels und Insulinresistenz. Es gilt als wichtigster Risikofaktor der koronaren Herzkrankheit. Zwar gibt es etliche Pharmakotherapien, doch Lebensstil-Interventionen stehen an erster Stelle. Forscher der Medizinischen Hochschule Hannover zeigten jetzt, dass sich digitale Tools zur Intervention eignen. An ihrer Studie nahmen 314 Patienten mit dem metabolischen Syndrom teil. Sie wurden entweder einer Kontrollgruppe ohne weitere Maßnahmen oder einer Trainingsgruppe mit App, Aktivitätstracker und persönlichen Gesprächen mit Therapeuten zugeordnet. Über die Smartphone-Applikation erhielten Probanden individuelle Empfehlungen zu Aspekten rund um die Bewegung, die Ernährung und das Stressmanagement. Nach sechs Monaten hatte sich in der Trainingsgruppe der Taillenumfang verringert, gemessen an der Kontrollgruppe. Auch Triglyceride, Blutzucker und Blutdruck waren niedriger. Die Untersuchung zeigt, dass sich Lebensstil-Interventionen als Teil eines Behandlungsprogramms mit Apps unterstützen lassen.

Der Therapeut aus der Tasche

Auch im psychischen Bereich helfen smarte Anwendungen Betroffenen. Depressionen und Angstzustände stehen als häufigste Krankheitsformen an erster Stelle. Schätzungsweise vier Millionen Menschen erkranken bundesweit pro Jahr. Doch die Wartelisten vieler Therapeuten sind lang. Genau diese Lücke könnten Apps schließen. Sie arbeiten oft mit Technologien aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz.

Bei Woebot (https://woebot.io) stellt, wie der Name schon vermuten lässt, ein Bot dem Patienten auf Englisch Fragen. Bots sind kleine, weitgehend selbstständig agierende Computerprogramme. Hier arbeiten sie nach den Prinzipien der kognitiven Verhaltenstherapie. Das Verfahren ist hoch strukturiert und eignet sich gut für Online-Anwendungen. Patienten lernen, anhand systematischer Selbstbeobachtung negative Denkmuster zu erkennen und zu vermeiden. Andere Apps aus dem Bereich arbeiten mit Videos oder praktischen Übungen.

Offen bleibt, inwieweit die Apps tatsächlich Veränderungen bewirken. Deshalb hat die Stiftung Warentest zusammen mit Fachverbänden vor einigen Monaten deutschsprachige Programme unter die Lupe genommen. Vier von acht Tools, nämlich Deprexis24 (www.deprexis24.de), Depression akut und Depression-Prävention (beide https://geton-institut.de) sowie moodgym (https://moodgym.de) bekamen das Prädikat »empfehlenswert«. Mitunter erstatten Krankenkassen die Kosten, dazu sind sie aber noch nicht verpflichtet.

Das Angebot ist für Laien schwer zu überblicken. Über sechs Millionen Treffer liefern Recherchen in den App-Stores zum Stichwort »App psychische Gesundheit«. Deshalb hat der Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ein neues Gütesiegel vorgestellt. Ab sofort können sich App-Anbieter zertifizieren lassen. Experten des Verbands überprüfen unter anderem, ob eine Anwendung effektiv ist, von Psychologen entwickelt wurde und ob die eigenen Daten nach geltenden Standards geschützt werden.

Logopädie virtuell begleitet

Apps helfen zudem, Therapieprogramme konsequent umzusetzen. Bei Kindern sind Sprachentwicklungsstörungen nicht selten. Logopäden leiten die kleinen Patienten und ihre Eltern an, selbst zu üben. Was in der Praxis klappt, scheitert oft bei der weiteren Umsetzung zu Hause. Hier kommt neolino (https://neolexon.de) für Kinder zwischen drei und sieben Jahren ins Spiel. Der Therapeut wählt Übungen für das Eigentraining auf dem Smartphone oder Tablet aus. Und kleine Patienten mit Artikulationsstörungen bekommen eine Therapie angeboten, die sich individuell am Fortschritt der Behandlung orientiert. Um die Motivation zu fördern, darf der Spaß beim Üben nicht fehlen. Das gelingt über ein virtuelles »Belohnungssystem». Manche Kassen erstatten bei neolino 90 bis 100 Prozent der Kosten.

Schutz vor Rückfällen

Andere Apps zur Therapie sind derzeit noch im Entwicklungsstadium, etwa »BipoLife« der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Forscher wollen mit ihrem Tool ein bekanntes Problem bei Menschen mit bipolaren Störungen lösen. Manische und depressive Episoden wechseln sich ab. Die Erkrankung kann theoretisch mit Pharmaka gut kontrolliert werden. Da sich Patienten phasenweise subjektiv gut fühlen, unterbrechen sie jedoch oft ihre Therapie, und das Krankheitsbild verschlimmert sich. Meistens kündigen sich erneute Krankheitsepisoden anhand von Frühwarnsymptomen an. Diese Beschwerden sollen per App erfasst werden, um rasch die Behandlung zu modifizieren oder um Probleme bei der Compliance zu erkennen. Das geht so: Mit Einverständnis der Studienteilnehmer installieren Forscher auf dem Smartphone ein Programm. Es läuft ständig im Hintergrund und erfasst, wie oft der Patient telefoniert oder Nachrichten schreibt. Ein Bewegungsprofil wird ebenfalls erstellt. Ändern sich solche Parameter deutlich, könnte dies ein Vorbote für manische oder depressive Episoden sein.

Trocken bleiben

Auch bei Alkoholkranken könnten Apps die Langzeitprognose verbessern, hoffen Wissenschaftler der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Nach der stationären Entgiftung unterstützen Psychotherapeuten die Patienten. Auch »Anti-Craving-Substanzen« wie Acamprosat, Baclofen, Disulfiram oder Naltrexon helfen gegen Rückfälle. Die App »SmartAssistEntz« (https://bit.ly/2ZeNHq9) ergänzt solche Strategien. Sie bietet ein spezielles Training, um Betroffene zu stabilisieren. Beispielsweise lernen Ex-Alkoholiker, die eigene Motivation zu stärken oder mit Risikosituationen korrekt umzugehen. Gleichzeitig werden Anschlussmaßnahmen für Patienten vermittelt.

Bessere Versorgung, bessere Apps

Als Fazit bleibt, dass Apps in nächster Zeit den therapeutischen Bereich revolutionieren werden. Bislang erhalten Patienten die Programme nur in Einzelfällen als Kassenleistung. Das könnte sich nach dem Willen von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bald ändern. Kabinettsmitglieder haben seinen Entwurf zum Digitale-Versorgung-Gesetz noch vor der Sommerpause verabschiedet. Inhaltlich geht es um einen neuen Leistungsanspruch von Versicherten auf digitale Gesundheitsanwendungen. Dazu zählen auch Apps. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) rät zur Nutzenbewertung auf Basis von Informationen der Entwickler. Außerdem müssen inhaltliche und technische Mindestanforderungen erfüllt werden: künftig eine Aufgabe des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Wer alle Hürden erfolgreich genommen hat, wird in einem neuen Verzeichnis gelistet. GKVen sind davon nicht wirklich begeistert. Sie rechnen mit jährlichen Mehrkosten in Höhe von 2,5 Milliarden Euro.

Mehr von Avoxa