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Covid-19

Weniger schwer Erkrankte bei steigenden Infektionszahlen

In Deutschland bekommen wieder mehr Menschen einen positiven Coronatest-Befund. Doch die Kliniken bekommen das – bisher zumindest – kaum zu spüren. Was steckt dahinter?
dpa
01.09.2020  14:00 Uhr

Zuletzt gestiegene Infektionszahlen machen Politiker und manche Experten nervös. Die Lage in den Kliniken ist aber nach wie vor vergleichsweise entspannt. Es werden weiterhin nur wenige Corona-Infizierte behandelt, Tote gibt es kaum noch. Wie passt das mit der gestiegenen Zahl von Nachweisen zusammen?

Klar ist, dass die Situation heute anders bewertet werden muss als noch vor einigen Monaten. Nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) wurden in der Woche vom 17. bis 23. August rund 9200 Menschen als Infizierte gemeldet – fast vier Mal so viele wie sechs Wochen zuvor. Von jenen Infizierten, zu denen es Angaben über ihren Behandlungsstatus gab (6981), mussten 323 ins Krankenhaus. Vor sechs Wochen lag die Zahl nur wenig niedriger. Rund 240 Patienten werden derzeit laut DIVI-Intensivregister intensivmedizinisch betreut, auch diese Zahl ist trotz steigender Infektionszahlen bislang ziemlich stabil. Mitte April lagen noch mehr als 2000 Corona-Kranke auf der Intensivstation. 

Die Gesamtzahl der Tests steigt kontinuierlich. Seit Monaten werden die Kapazitäten ausgebaut. Zuletzt wurden dem RKI zufolge fast 1 Million Menschen binnen einer Woche getestet. Zum Vergleich: Mitte April lag die Zahl noch deutlich unter 500.000. Der Anteil positiver Tests ist seit Anfang April von rund 8 Prozent auf unter 1 Prozent gesunken.

«Wir testen mehr und finden mehr asymptomatische Personen ganz ohne Krankheit», erklärt der Virologe Professor Ulf Dittmer vom Uniklinikum Essen. Auch das könne ein Grund für den Anstieg der Neuinfektionen bei gleichzeitig wenigen Menschen mit schweren Krankheitsverläufen sein. Zudem ist unklar, bei wie vielen Nicht-Infizierten ein Coronatest trotzdem anschlägt – also wie hoch die Rate falsch positiver Ergebnisse unter den Diagnosen derzeit ist.

Ist das Coronavirus mutiert und harmolser geworden?

Eine These zum geringen Anteil von Schwerkranken besagt, dass sich das Virus möglicherweise weiterentwickelt hat und nicht mehr so oft zu schweren Krankheitsverläufen führt. Das sieht Professor Richard Neher von der Universität Basel nicht so. Der Leiter der Forschungsgruppe Evolution von Viren und Bakterien sagt, dass das Coronavirus nicht harmloser geworden ist. Zwar habe es ähnlich wie andere Viren Mutationen durchgemacht, aber »es gab keine Mutation, die sich in ganz Europa durchgesetzt hätte«, so Neher

»Das Virus hat sich zwischen März und jetzt nicht entscheidend verändert.«
Richard Neher, Professor an der Universität Basel

Ein Grund dafür, dass momentan vergleichsweise wenig Infizierte schwere Krankheitsverläufe haben, könnte das Alter sein. Dem RKI-Bericht zufolge liegt das Durchschnittsalter der Menschen mit positivem Testergebnis derzeit bei etwa 32 Jahren. Mitte April lag es noch bei rund 50 Jahren. Das RKI weist zudem darauf hin, dass in den vergangenen Wochen vor allem der Anteil der 10- bis 30-Jährigen zugenommen hat.

Jüngere Menschen kämen nach wie vor besser mit der Infektion klar als Ältere, erklärt der Essener Virologe Dittmer. Zudem hätten sie in der Regel keine schwerwiegenden Vorerkrankungen, die einen schweren Verlauf der Krankheit begünstigen.

Dittmer zufolge infizieren sich vor allem junge Menschen häufiger, weil sie sich nicht mehr so stark an die Hygieneregeln halten. »Das kann man ihnen noch nicht mal verdenken. Die Biologie hat nicht vorgesehen, dass junge Menschen Abstand zueinander halten.« Es könnte aber auch sein, dass vor allem jüngere Menschen vermehrt getestet werden, dann findet man bei ihnen automatisch auch mehr Infektionen.

Verbesserte Covid-19-Behandlung

Auch die Behandlungsmöglichkeiten sind laut Dittmer besser geworden. So würden antivirale Medikamenten wie Remdesivir jetzt früher eingesetzt. Zudem sind in den vergangenen Monaten viele Studien erschienen, die sich mit dem richtigen Umgang mit schwer erkrankten Covid-19-Patienten beschäftigen.

Dazu kommt, dass die Gesundheitssysteme mittlerweile besser aufgestellt sind. Es sei nicht zu erwarten, dass das Gesundheitssystem in die Knie geht, sagt Professor Dr. Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). «Wir sind ganz klar besser vorbereitet.» Im März seien alle vom Ausmaß überrascht worden. Aber selbst damals sei die Versorgung der Patienten im ambulanten und stationären Sektor «zu keinem Zeitpunkt in Gefahr gewesen oder sogar zusammengebrochen».

Die Mediziner hätten in den vergangenen Monaten «enorm» dazugelernt und seien mittlerweile ausreichend mit Schutzmaterial ausgestattet. «Die Covid-19-Bereiche im Krankenhaus sind klar abgetrennt, die Mitarbeiter können mittlerweile routiniert in den einzelnen Bereichen mit Verdachtsfällen und Patienten umgehen.» Für den Fall der Fälle könnten die Krankenhäuser jederzeit den Schalter umlegen und den Corona-Betrieb aufnehmen. Auch wenn wir davon noch weit entfernt seien, habe Deutschland «absolut genügend» Intensivbetten für den Ernstfall. Momentan sind in Deutschland rund 9000 frei.

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