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Diabetes mellitus

Wenn der Blutzucker in der Pubertät entgleist

Jedes Jahr erkranken immer mehr Kinder an Diabetes mellitus Typ 1. Meist liegt die Ursache in einer immunologisch bedingten Zerstörung der Inselzellen der Bauchspeicheldrüse und dem damit einhergehendem absoluten Insulinmangel.
Christiane Berg
25.06.2020  17:30 Uhr

Die Gründe für die Zunahme der Erkrankungszahlen sind letztlich noch nicht vollständig erforscht. Bekannt ist lediglich, dass Jungen und Mädchen, bei denen bereits ein Elternteil oder beide an Diabetes Typ 1 leiden, häufiger betroffen sind, die Veranlagung also eine Rolle spielt. Diskutiert werden jedoch auch weitere Faktoren wie zu kurze Stillzeiten beziehungsweise Autoimmun- oder Infektionskrankheiten wie Hashimoto-Thyreoiditis, Zöliakie oder Morbus Addison beziehungsweise Masern, Mumps oder Röteln.

Immer mehr Kinder und Jugendliche betroffen

So oder so: »Mit etwa 32.500 Betroffenen ist Diabetes mellitus Typ 1 in Deutschland die häufigste Stoffwechselerkrankung bei Kindern und Jugendlichen. Die Tendenz ist steigend«, so die diabetesDE- Deutsche Diabetes-Hilfe in einer aktuellen Pressemitteilung. Die gemeinnützige Organisation hat sich die Wahrnehmung der Interessen der mehr als sieben Millionen Menschen mit Diabetes mellitus in Deutschland auf die Fahnen geschrieben.

Auch wenn Betroffene regelmäßig ihre Glukosewerte messen und eine Insulintherapie für sie zum Alltag gehört: Bis zum Eintritt der Pubertät hätten die Jugendlichen ihre Erkrankung meist gut im Griff. Mit Beginn des Erwachsenwerdens jedoch verschlechtere sich bei vielen von ihnen trotz moderner Technologien wie Insulinpumpen und Glukosesensoren die Stoffwechsellage, warnt diabetesDE.

»Etwa ab einem Alter von zehn Jahren setzen die körperlichen Veränderungen der Pubertät ein. Plötzlich werden vermehrt und ungleichmäßig Sexualhormone ausgeschüttet, die die Insulinempfindlichkeit senken und Blutzuckerschwankungen verursachen«, macht diabetesDE deutlich.

Außerdem setze der Körper verstärkt Wachstumshormone frei, die zu hohen morgendlichen Blutzuckerwerten führen können – auch bekannt als Dawn-Phänomen. Dadurch könne der Langzeitblutzuckerwert HbA1c trotz aller Sorgfalt hinsichtlich Einhaltung der Therapie deutlich über die empfohlene Spanne von 6,5 bis 7 Prozent (48 bis 53 mmol/mol) steigen.

Eltern und Erzieher oft überfordert

Ob beim Sport oder beim Essen: Oft könne es passieren, dass die sowieso bereits frustrierten Kinder und Jugendlichen nicht daran denken, ihre Insulindosis anzupassen. Machen die jungen Erwachenen zudem ersten Erfahrungen in der Liebe, mit Alkohol oder Drogen und quälen sie sich oftmals mit Selbstzweifeln und Konflikten, so könnten entsprechende Vorwürfe der Eltern die Situation noch zusätzlich verschärfen. Es komme zur Ausschüttung von Stresshormonen, die wiederum den Blutzuckerspiegel weiter in die Höhe treiben.

Bekannt sei zudem, dass sich der Übergang der ärztlichen Betreuung vom Kinder- und Jugenddiabetologen in die Erwachsenenmedizin, die sogenannte Transition, oftmals schwierig gestaltet. Mancher junge Erwachsene gehe mitunter jahrelang nicht mehr zum Diabetologen, was fatale gesundheitliche Folgen und Komplikationen nach sich ziehen könne.

Umso mehr Bedeutung, so diabetesDE, kommt der Betreuung, Beratung und Information von Eltern oder Erziehern zu. Seien diese oftmals selbst überfordert, so könnten sie qualifizierte Ansprechpartner am Sorgentelefon der Deutschen Diabetes-Hilfe  finden. Die Organisation betont noch einmal, dass dringend Handlungsbedarf bestehe.

Risikofaktor Übergewicht

Alarmierend sei auch die zunehmende Zahl an Menschen, die schon in jungen Jahren übergewichtig (13 Prozent) beziehungsweise adipös (sechs Prozent) werden und in der Folge an Diabetes mellitus Typ 2 erkranken. Jährlich gäbe es etwa 200 Neuerkrankungen. Die Dunkelziffer sei hoch. Sinnvoll, so die diabetesDE-Deutsche Diabetes Hilfe, könne es deshalb sein, Jugendliche mit Adipositas einem Glukosetoleranz-Test zu unterziehen. Denn auch ein Diabetes mellitus Typ 2 könne unbehandelt zu schweren Folgeerkrankungen führen. Generell müsse der Diabetes-Tsunami dringend zum Stoppen gebracht werden.

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