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Telefonphobie

Wenn Telefonieren Angst macht

Schnell eine Pizza bestellen oder den Friseurtermin ausmachen – für viele Dinge genügt ein Anruf. Keine große Sache, könnte man meinen. Für manche aber doch. Telefonphobie nennt man das.
dpa/PTA-Forum
25.02.2020  15:45 Uhr
Wenn Telefonieren Angst macht

Telefonphobie wird für sich alleine bislang klinisch nicht erfasst. Sie könnte aber durchaus zu einer neuen Ausprägung der Sozialphobie werden, meint Nadine D. Wolf, auf Phobien spezialisierte Oberärztin der psychiatrischen Klinik am Uni-Klinikum Heidelberg. Grund ist das veränderte Kommunikationsverhalten.

Philippe Wampfler, Medienpädagoge und Dozent an der Uni Zürich, beschreibt die Veränderung so: »Früher hatte man drei Möglichkeiten, wenn man sich den Rasenmäher des Nachbarn ausleihen wollte: telefonieren, einen Brief schreiben oder rübergehen. Heute schreibt man schnell eine WhatsApp. Das ist der Weg des geringsten Widerstands.«

Nach der JIM-Studie 2018 (Jugend, Information Medien) tauschen sich 95 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland regelmäßig allein über diese Kommunikationsplattform aus – im Schnitt erhalten sie 36 Nachrichten pro Tag. Nur jeder Fünfte nutzte täglich noch das Smartphone zum Telefonieren. »Ich denke, Menschen hatten auch früher Hemmungen, jemanden anzurufen«, meint Medienpädagoge Wampfler. »Aber nach der Schulzeit oder dem Studium und im Job haben sie gelernt, zu telefonieren. Einfach, weil sie es mussten.«

Wenn Telefonphobie zunimmt, liegt das nach seiner Meinung an der sogenannten Affordanz, dem Angebotscharakter der Medien. Das muss nicht zum Problem werden. Aber es kann. Das Internet ist voll von Berichten Betroffener, Blogs zum Thema und von guten Tipps gegen die Telefonangst.

In einem Forum für Frauen berichtet eine Frau: »Schon vor der Aufnahme des Telefonhörers schlägt das Herz bis zum Hals.« Die Zeit, die sie über den nötigen Anruf nachgrübelt, dauere fast immer länger als der eigentliche Anruf. Eine andere, der es nach eigenem Bekunden genauso geht, erledige alles per E-Mail oder schiebe es auf ihren Mann ab. Auch eine Karlsruher Studentin, die ansonsten vor großem Publikum problemlos Solos singt, bekennt: »Ich hatte eine Zeit lang so sehr Angst vor dem Telefonieren, dass ich eine Freundin überredet habe, für mich irgendwo anzurufen. Mittlerweile geht es.« Sie ärgert sich, dass sie sich manchmal so in die Angst hineinsteigert: »Weil man weiß, dass es total bescheuert ist, dass man einfach nicht anrufen kann.«

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