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Sonne, Wind und Regen

Wie das Wetter die Gesundheit beeinflusst

Der Einfluss des Wetters auf die Gesundheit beschäftigt die Menschheit bereits seit Jahrtausenden. Schlägt das Wetter um, klagen Betroffene über Kopfschmerzen, Müdigkeit, Kreislaufprobleme und vieles mehr. Lange Zeit wurden sie dafür meist belächelt – doch inzwischen gehen auch Experten dem Phänomen nach.
Carina Steyer
19.06.2020  09:00 Uhr

Das Wetter ist ein wichtiger Bestandteil der menschlichen Umwelt. Tägliche Wetteränderungen gehören zum Alltag dazu, und die Menschen richten sich danach. Etwa indem sie den Wetterbericht hören, vorsorglich Sonnencreme einstecken oder eine Jacke oder den Regenschirm mitnehmen. Neben all diesen bewussten Vorgängen passt sich der menschliche Körper permanent unbewusst an das herrschende Wetter an. Ein gutes Beispiel dafür ist die Temperaturkontrolle. Um die Organfunktionen optimal aufrecht halten zu können, muss die Körperkerntemperatur konstant bei 37° Celsius gehalten werden. Dafür ist der menschliche Körper mit rund 30.000 Kälte- und 3.000 Wärmerezeptoren in der Haut, thermosensorischen Fasern im Bauchraum und thermosensitiven Neuronen im Rückenmark ausgestattet. Permanent gleicht der Organismus den aktuelle Temperatur-Ist-Wert mit dem Temperatur-Soll-Wert ab. Kommt es zu Abweichungen, ergreift er entsprechende Maßnahmen. Blutgefäße werden verengt, die Muskelaktivität zum Zittern erhöht und eine Gänsehaut gebildet, um den Abfall der Umgebungstemperatur auszugleichen. Im Gegenzug stellt er Blutgefäße weit und sondert vermehrt Schweiß ab, wenn die Umgebungstemperatur steigt.

Je stärker sich meteorologische Faktoren verändern, umso höher ist die Anforderung an den Organismus, sich der Veränderung anzupassen. Bei Gesunden funktioniert das in der Regel problemlos. Anders sieht es bei Menschen mit bestehenden Erkrankungen oder einer schlechteren Regulationsfähigkeit aus. Bei ihnen können sich Anpassungsvorgänge durch eine Zunahme von Beschwerden oder Beeinträchtigungen des Befindens bemerkbar machen. Meteorologen beschreiben die Auswirkung von Wetterphänomenen auf die physische und psychische Gesundheit des Menschen als Biotropie. Mediziner sprechen von Meteoropathie oder Wetterfühligkeit. Besonders ausgeprägt ist sie bei kurzfristigen, markanten Wetteränderungen wie zum Beispiel im Übergangsbereich zwischen einem abziehenden Hochdruckgebiet und einem herannahenden Tief, beim Durchzug einer Warm- und Kaltfront oder auf der Rückseite eines abziehenden Tiefdruckgebietes. Das liegt daran, dass sich hier gleichzeitig mehrere Wetterfaktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Luftbewegung, Bewölkung, Sonnenschein, Lichtverhältnisse oder Luftdruck ändern.

Symptomverstärker

Wetterfühligkeit ist somit keine Einbildung, eine eigenständige Krankheit ist sie aber auch nicht. Experten beschreiben sie vielmehr als Symptomverstärker. Hat der Körper bereits mit einem Problem zu kämpfen, gelingen notwendige Anpassungsvorgänge weniger gut und können Beschwerden verschlimmern. Bekannt ist das von entzündlichen und degenerativen rheumatischen Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen (sowohl in Verbindung mit hohem als auch in Verbindung mit niedrigem Blutdruck) und Asthma sowie allgemeinen Befindlichkeitsstörungen wie Schmerzempfindlichkeit, Kopfschmerzen, schlechtere Konzentrations- und Leistungsfähigkeit.

Eine objektive Messung, welche Wetterlage welche Symptome verursachen kann, ist kaum möglich. Angaben zu den Beschwerden stammen vor allem aus Umfragen und beruhen damit auf der subjektiven Einschätzung der Betroffenen. Gelungen ist allerdings der statistische Nachweis, dass einzelne Beschwerden während bestimmter Wettersituationen signifikant zunehmen oder sich verstärken. So wissen Experten inzwischen, dass Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor allem bei warmen, schwülen Wetterlagen und Temperaturanstiegen Symptome aufweisen. Wird es kälter sind Menschen mit Rheuma, chronischen Schmerzen und Asthma betroffen. Föhn, ein warmer trockener Wind, kann Schwindel, niedrigen Blutdruck und Schlafstörungen auslösen und einströmende atlantische Kaltluft für Kopfschmerzen und Gereiztheit verantwortlich sein. Auf die psychische Gesundheit wirken sich vor allem steigende Temperaturen im Frühjahr aus. So kann zum Beispiel weltweit in den Frühlings- und frühen Sommermonaten ein Anstieg der Suizide beobachtet werden. In die Notaufnahmen werden an extrem heißen Tagen verstärkt psychiatrische Patienten eingeliefert.

Jeder Zweite betroffen

In Deutschland sind 50 Prozent der Bevölkerung der Meinung, dass das Wetter ihre Gesundheit beeinflusst. Das zeigt eine repräsentative Befragung des Deutschen Wetterdienstes, die 2013 im Auftrag des Umweltbundesamtes durchgeführt wurde. 1623 Menschen ab 16 Jahren wurden zu ihren Beschwerden im Zusammenhang mit dem Wetter befragt. Zu den häufigsten genannten Symptomen zählten Kopfschmerzen und Migräne, Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Gelenkschmerzen und Schlafstörungen. Knapp 30 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal nicht in der Lage gewesen zu sein, ihrer normalen Tätigkeit nachzugehen.

Bei einer ausgeprägten Wetterfühligkeit, die regelmäßig starke Probleme verursacht, raten Medizin-Meteorologen gezielt gegenzusteuern. Von Berufsgruppen, die viel Zeit im Freien verbringen, weiß man, dass sie wesentlich seltener mit einer Wetterfühligkeit zu kämpfen haben, als Menschen, die sich hauptsächlich in Innenräumen oder klimatisierten Gebäuden aufhalten. Betroffenen wird empfohlen, diesem Beispiel zu folgen. Sport an der frischen Luft oder einfach nur Spazieren gehen und das bei jeder Wetterlage, helfen dem Organismus, sich besser an wechselnde klimatische Verhältnisse anzupassen. Zusätzliche Saunagänge oder Kneipverfahren trainieren die Gefäße und können den Kreislauf positiv beeinflussen. Da äußere Faktoren wie Stress oder Schlafmangel die Wetterfühligkeit verstärken können, sollten Betroffene auf ausreichenden und erholsamen Schlaf achten. Auch Entspannungsverfahren können helfen, mit der Wetterfühligkeit besser umzugehen.

Gefahrenindex beachten

Der Deutsche Wetterdienst veröffentlicht zweimal täglich den Gefahrenindex für Wetterfühlige. Aufgeteilt in elf deutsche Regionen sagen die Experten, den vom Wetter zu erwartenden Stress für Menschen mit Herzkreislauferkrankungen, rheumatische Erkrankungen oder Atemwegserkrankungen sowie die Auswirkungen auf das allgemeine Befinden voraus. Unterschieden wird zwischen kein, geringer und hoher Einfluss sowie der Kategorie positiv, womit Wetterlagen gemeint sind, die sich positiv auf das Befinden auswirken. Betroffene sollen durch den Gefahrenindex die Möglichkeit bekommen, den Wettereinfluss in der Tagesplanung zu berücksichtigen und gegebenenfalls zusätzliche Belastungen zu vermeiden. Die Meteorologen weisen jedoch darauf hin, dass der Gefahrenindex lediglich die mittlere gesundheitliche Bedeutung für ein Kollektiv von Wetterfühligen beschreibt. Eigene Erfahrungen können deutlich davon abweichen. Um diese genau beobachten zu können, wird empfohlen, ein Wettertagebuch zu führen.

Hierfür bietet die Website Menschenswetter in Zusammenarbeit mit der Abteilung Medizin-Meteorologie des Deutschen Wetterdienstes und der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik die Möglichkeit, ein Online-Tagebuch zu führen. Betroffene können sich auf Grundlage ihrer Daten eine individuelle biometeorologische Vorhersage erstellen lassen. Die Daten werden anonymisiert an den Deutschen Wetterdienst weitergegeben, um die Vorhersagen zu präzisieren und langfristig die Zusammenhänge zwischen Wetter und Beschwerden besser zu verstehen. 

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