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Übergewicht

Wie Menschen mit ihrem Dicksein umgehen

Keine Disziplin, nicht belastbar, willensschwach – Eigenschaften dieser Art werden Menschen mit hohem Körpergewicht häufig unterstellt. Sie werden gemobbt, ausgegrenzt und bekommen vorgehalten, hohe Gesundheitskosten zu verursachen. Wie gehen diese Menschen damit um?
Katja Egermeier
14.01.2020
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»Dick zu sein, ist heutzutage mit einem negativen Stigma verbunden«, erklärt Dr. Lotte Rose, Professorin für Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit an der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). Doch während sehr viel über das ›Problem Übergewicht‹ und erforderliche Präventionsmaßnahmen gesprochen werde, gebe es bislang nur wenig empirisches Wissen dazu, wie es den Menschen tatsächlich ergeht, die nicht den propagierten Gewichtsnormen entsprechen, erklärt Rose.

In der Studie »Geschlechterordnungen der Diskriminierung dicker Körper« der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS) haben sich Wissenschaftler daher genau damit beschäftigt. Dazu wurden 124 Frauen und Männer mit hohem Körpergewicht zu ihrer Biografie befragt. Es wurde untersucht, wie diese Menschen ihr Leben bewältigten und wie sie über sich selbst und ihr Leben reden. Auch geschlechterspezifische Unterschiede spielten dabei eine Rolle, heißt es in einer Pressemitteilung der Frankfurt UAS.


Das überraschende Ergebnis: In drei Viertel der Berichte kam das eigene Körpergewicht gar nicht zur Sprache. Zwar hätten die Fragenden die Möglichkeit gehabt, das Gewicht gezielt anzusprechen, das sei jedoch nur selten geschehen. »Dass in einer Reihe von biografischen Erzählungen das eigene Körpergewicht nicht thematisiert wird, zeigt, dass das Gewicht, das gesellschaftlich permanent relevant gemacht wird, für die Betroffenen selbst nicht immer diese Relevanz hat«, erklärt Rose.

Von wegen faul und willenlos

Sofern das Gewicht zur Sprache gekommen ist, sei thematisiert worden, dass am eigenen Körper aufwendig gearbeitet werde – wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg. Viel Raum nehme das Thema dann ein, wenn erfolgreich abgenommen worden ist. So heißt es in der Pressemitteilung: »In den Berichten trägt das Abnehmen immer dramatische Züge eines radikalen und umfassenden Transformationsprozesses, der den Betreffenden zudem viel abverlangt. Gewichtsreduktion wird von einer Interviewten als das ›wirklich Einschneidendste im Leben‹ bezeichnet.« Von einem »völlig neuen Leben« sei in einem anderen Bericht die Rede gewesen. Ein schlanker Körper erscheint als Inbegriff eines psychosozial leichteren und besseren Lebens.

Doch auch wenn das Abnehmen laut Studie immer selbst entschieden worden ist, beschreiben es die Betreffenden als höchst arbeitsintensiv. »Entscheidend ist dabei: Es gibt kein absolutes Scheitern. Wenn das erste Diätprogramm erfolglos bleibt, wird das nächste in Angriff genommen«, so Rose. Diese Bereitschaft spreche gegen die stereotypische Zuschreibung der Faulheit und Willenlosigkeit von Dicken. »Hart an sich zu arbeiten und es trotz Misserfolgen immer wieder zu versuchen, demontiert das Stigma, mit dem Menschen mit hohem Körpergewicht leben müssen.«

Die Studie ergab zudem, dass sich Frauen durch die Gewichtsreduktion als bessere Partnerin und Mutter fühlen. Bei Männern seien ähnliche Erzählungen nicht vorgekommen. So habe sich für Frauen bereits der Kinderwunsch als etwas erwiesen, das sich nur mit viel Arbeit und Leiden erfüllen lässt. Berichtet worden sei von Abnehmprozeduren, um überhaupt schwanger zu werden und die leidvolle Gewichtszunahme während und nach der Schwangerschaft. Typisch seien auch die Erzählungen zu den Beschwernissen guter Mutterschaft durch das hohe Gewicht, zum Beispiel durch Schwierigkeiten, die üblichen Fürsorge- und Spieltätigkeiten zu übernehmen oder auch das eigene Kind vor Unfallgefahren zu schützen. Zudem habe es Befürchtungen gegeben, aufgrund des eigenen Dickseins das eigene Kind falsch zu ernähren und zu erziehen, und dass das eigene Kind wegen des Gewichts der Mutter stigmatisiert wird.

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