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Ukraine

Wie pharmazeutische Hilfe wirklich ankommt

In der Ukraine ist wegen der Kriegssituation die Grundversorgung mit Nahrungs-, Arzneimitteln und medizinischen Geräten zusammengebrochen. Mehr als eine Millionen Menschen sind auf der Flucht. Wie ihnen am besten medizinisch-pharmazeutisch geholfen werden kann, erklärt Apotheker Ulrich Brunner, Gründungsmitglied von Apotheker ohne Grenzen Deutschland.
Ulrich Brunner
04.03.2022  10:30 Uhr

Kleine Initiativen und Einzelpersonen, aber auch große Nichtregierungsorganisationen (NGO) bemühen sich derzeit, Hilfsgüter über Polen, die Slowakei, Rumänien und Moldawien in die Ukraine zu bringen. Zudem müssen Flüchtende an den Grenzen mit dem Notwendigsten versorgt werden. Aber gut gemeinte Arzneispenden sorgen inzwischen auch für große Probleme.

Seit dem vergangenen Wochenende sind die auf pharmazeutische Hilfe spezialisierten Organisationen wie Apotheker ohne Grenzen (AoG), Apotheker Helfen und Action medeor vor Ort im Einsatz oder bereiten Hilfslieferungen mit Partnerorganisationen vor. Als Fachleute zählen Umgang mit und Logistik von Medikamenten und medizinischem Gerät für sie zum täglichen Handwerk.

Leider werden die Helfer zunehmend mit altbekannten Problemen konfrontiert: Apotheker Andreas Portugal, der den AoG-Einsatz mit Kollegen an der polnischen Grenze koordiniert, berichtet von großen Mengen an unbrauchbaren Arzneimitteln, die aufwendig und zeitraubend sortiert und größtenteils fachgerecht entsorgt werden müssen. Die polnischen Behörden, die zunächst großzügig Waren passieren ließen, sähen ein Entsorgungsproblem auf sich zukommen. »Einige Organisationen senden ohne Empfängerangaben unbrauchbare Hilfsgüter. Es herrscht Chaos an der Grenze«, so ein Mitglied einer polnischen NGO.

Polen hatte bislang auf bestehende Regularien verzichtet, wie sie in allen europäischen Ländern gelten. Dies könnte sich angesichts der wachsenden Berge an Spendenmüll aber bald ändern. Zudem bindet das händische Aussortieren die Kapazitäten von pharmazeutischen Helfern.

Keine ungezielten Einzelspenden, keine Altmedikamente

Gute Gründe sprechen gegen ungezielte Einzelspenden von Arzneimitteln. Apotheker müssen als Fachleute aktiv an der Aufklärung mitarbeiten. Seit 1997 gibt es die internationale Richtlinie für gute Arzneimittelspendenpraxis, die bei den pharmazeutischen Hilfsorganisationen die Basis jeglicher Arbeit darstellen. 

Das Wichtigste zuerst: keine Spenden von Altarzneimitteln. Zudem ist die Ausfuhr von Arzneimitteln ohne Dokumentation illegal. Hier gelten zu Recht strenge Vorgaben, um Fälschungen nicht Tür und Tor zu öffnen. Außerdem dürfen Arzneimittel ohne Genehmigungen der lokalen Gesundheitsbehörden vor Ort nicht eingesetzt werden. Unbekannte oder im Land verbotene Wirkstoffe sind tabu. Ziel ist immer eine bedarfsgerechte Spende – also Medikamente und medizinisch-pharmazeutische Materialien, die vom Empfänger im Land angefordert wurden und in der jeweiligen Situation gebraucht werden.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahre und derzeit an der polnischen Grenze zeigen: 80 Prozent aller gut gemeinten Spenden sind keine Basismedikamente. Oft fehlt eine Beschriftung in ukrainischer Landessprache. Viele verschiedene Wirkstoffe in kleinen Einzelpackungen sind nicht handhabbar.

Gerade in Krisensituationen geht es um den nachhaltigen Zugang zu qualitativ hochwertigen Arzneimitteln, die in enger Zusammenarbeit mit Partnern vor Ort, die die lokale Situation und den Bedarf kennen, eingesetzt werden. Daher bitten die pharmazeutischen Hilfsorganisationen um Geldspenden, um bedarfsgerecht lebenswichtige Medikamente für die Menschen in der Ukraine bereitstellen zu können. Jede Apotheke kann in ihrem Umfeld zur Aufklärung über korrekte Arzneimittelspenden beitragen.

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