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Sozialstudie

Wie sich Frauen nach einer Abtreibung fühlen

Das Umfeld ist entscheidend für die Verarbeitung

Das Umfeld ist entscheidend für die Verarbeitung

»Nicht der Schwangerschaftsabbruch an sich führt zu Belastungen, die die Frauen nicht bewältigen können«, sagte Kersting. Entscheidend seien vielmehr persönliche Faktoren sowie das soziale Umfeld. So seien etwa Menschen, die unter Traumata litten oder kein verlässliches soziales Netz hätten, oft weniger gut gerüstet, um eine derartig schwere Entscheidung zu treffen, sagte Kersting und ergänzt: »Die Hälfte der Befragten gab an, dass es schwierig gewesen sei, sich für den Abbruch zu entscheiden – was ebenso normal wie nachvollziehbar ist.« Das Abebben von negativen Emotionen innerhalb eines Jahres zeige aber, dass die meisten Frauen damit zurechtkämen.

Ähnlich äußert sich die Psychologin und Assistant-Professorin Julia Steinberg von der Universität von Maryland in einem begleitenden Kommentar: Eine schwere Entscheidung sei nicht gleichzusetzen mit einer falschen. Für Steinberg ist die Studie auch insofern wichtig, da sich die Annahme von den negativen psychologischen Folgen auch in den Vorschriften für einen Schwangerschaftsabbruch zeigten. Je nach Bundesstaat gehören dazu in den USA bestimmte einzuhaltende Wartezeiten und zwei Beratungstermine.

Steinberg schreibt von Bürden für die Frauen wie auch von Stress, der sonst gar nicht aufkommen würde: »Das ist als sich selbst erfüllende Prophezeiung bekannt. Die psychologischen Effekte hätten gar nicht existiert, hätte eine externe Quelle (und externe Informationen sind hier per Gesetz vorgeschrieben) nicht vermittelt, dass Frauen negative psychologische Auswirkungen, Entscheidungsschwierigkeiten oder eine falsche Entscheidung erwarten können.«

Die Situation in Deutschland

Tatsächlich tobt um das Thema Abtreibung auch hierzulande seit geraumer Zeit eine politische Debatte, wie sich zuletzt Anfang 2019 zeigte, als die Große Koalition um die Reform des § 219a StGB rang, der regelt, wie über Abtreibungen informiert werden darf. In einem Kompromiss einigten sich Union und SPD darauf, dass Ärzte und Kliniken künftig anders als bislang etwa auf ihrer Website mitteilen dürfen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

Im Zuge dieses Kompromisses kündigte das Bundesgesundheitsministerium ebenfalls eine Studie an. Die Ausschreibung startete im September und läuft derzeit noch, wie das Ministerium mitteilte. Konkret geht es um die Förderung von »Forschungsvorhaben zu psychosozialer Situation und Unterstützungsbedarf von Frauen mit ungewollter Schwangerschaft«.

Ziel ist, Erkenntnisse dazu zu gewinnen und den Stand des Wissens auszubauen. Die Projekte sollen voraussichtlich in der ersten Hälfte 2020 beginnen, die Laufzeit beträgt drei Jahre. Das Forschungsvorhaben wurde von einigen Wissenschaftlern im Vorfeld als überflüssig bezeichnet. Denn schon vor der aktuellen US-Studie ergaben andere Untersuchungen aus den USA, Dänemark und Deutschland, dass weder die seelische Gesundheit von Frauen unter einer Abtreibung leide noch ein erhöhtes Risiko für Depressionen bestehe.

Umso wichtiger sei es, dass sich die vom Bundesgesundheitsministerium geplante Studie auf die Beratungssituation in Deutschland konzentriere, meint Kersting. Und dies sei nach der politischen Diskussion auch geplant. Die Ergebnisse aus den USA hätten deutlich gemacht, dass 6 Prozent der Frauen auch fünf Jahre nach dem Eingriff negative Emotionen hätten: »Die drängende Frage lautet, wie wir diese Gruppe von Anfang an besser erkennen und unterstützen können.« Schon jetzt sei unabhängig davon klar, wie wichtig eine neutrale und ergebnisoffene Beratung sei.

In Deutschland ist die Zahl der Abtreibungen in den vergangenen drei Jahren nahezu gleichgeblieben. So lag sie dem Statistischen Bundesamt zufolge 2017 und 2018 bei etwa 101.000 sowie in den ersten drei Quartalen 2019 bei gut 76.000.

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