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Gefahr und Chance 

Wie Superspreader die Pandemie antreiben

Rund ein halbes Jahr nach dem Coronavirus-Ausbruch in China versteht die Wissenschaft die Logik immer besser, mit der sich das Virus verbreitet. Sogenannte Superspreader könnten nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance sein.
dpa/Katja Egermeier
10.06.2020
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Fachleute sprechen von sogenannten Superspreadern, wenn jemand bei einem Anlass viel mehr Menschen ansteckt als zu erwarten wäre. Auf Deutsch könnte man sie Superverbreiter nennen. Bei SARS-CoV-2 nehme man an, dass ein Infizierter ohne Gegenmaßnahmen durchschnittlich drei andere Menschen anstecken würde, sagt der Infektiologe Bernd Salzberger vom Universitätsklinikum Regensburg. Eine exakte Grenze, ab wie vielen Ansteckungen man als Superspreader gilt, gebe es nicht. Oft könne im Nachhinein auch nicht mehr zweifelsfrei geklärt werden, ob wirklich alle Fälle auf eine Quelle zurückgehen.

Das Phänomen macht jedenfalls deutlich, dass die sogenannte Reproduktionszahl bei SARS-CoV-2 täuschen kann: Liegt der R-Wert zum Beispiel bei 1, heißt das, dass ein Infizierter im Durchschnitt im Schnitt einen anderen Menschen ansteckt. Als Laie mag man sich darunter eine gleichmäßige Ausbreitung vorstellen. Wissenschaftler nehmen allerdings bei SARS-CoV-2 inzwischen eine deutliche Ungleichverteilung an: Dass wenige Leute ganz viele andere Menschen anstecken, die meisten Infizierten hingegen niemanden oder nur wenige Menschen, wie der Virologe Christian Drosten kürzlich im NDR-Podcast zusammenfasste. Je nach Schätzung machten 20 Prozent der Infizierten – oder noch weniger – 80 Prozent der Ausbreitung aus.

Superspreading existiert unterschiedlich stark ausgeprägt auch bei anderen Krankheiten. Auch Tiere können Superspreader sein, wie Infektionsepidemiologe am Robert-Koch-Institut (RKI), Udo Buchholz, sagt. Insbesondere beim SARS-Ausbruch 2002/2003 rückten Superspreader in den Fokus: Damals brachte ein infizierter Arzt den Erreger aus der südchinesischen Provinz Guangdong, wo die Krankheit schon Monate kursierte, in ein Hongkonger Hotel. Von dort breitete sich das Virus mit Reisenden wohl in zahlreiche Länder aus.

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