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Baldrian, Hopfen & Co.

Wirksame Phytopharmaka zum Ruhe finden 

Kunden, die schlecht schlafen oder sich nervös fühlen, fragen in der Apotheke häufig gezielt nach »etwas Pflanzlichem«. Einige gut untersuchte Arzneipflanzen können helfen.
Annette Immel-Sehr
18.11.2019
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Baldrian ist wohl das bekannteste pflanzliche Schlaf- und Beruhigungsmittel. Der Echte Arznei-Baldrian, Valeriana officinalis, ist in Europa sowie in den gemäßigten Klimazonen Asiens heimisch. Pharmazeutisch werden der Wurzelstock (Rhizom) und die daran in Büscheln anhängenden, dünnen fingerlangen Wurzeln verwendet. Die Wirksamkeit bei Unruhezuständen und nervös bedingten Einschlafstörungen wurden der Baldrianwurzel von den beiden wichtigsten europäischen Phytomedizin-Gremien bescheinigt: der ESCOP und dem HMPC. In der ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapie) arbeiten Experten aus europäischen Hochschulen und Fachgesellschaften zusammen und bewerten die Wirksamkeit und Unbedenklichkeit von Heilpflanzen. Das HMPC (Herbal Medicinal Product Committee) ist ein wissenschaftlicher Ausschuss der Europäischen Arzneimittelagentur, der im Auftrag des Gesetzgebers für die wissenschaftliche Bewertung von pflanzlichen Arzneimitteln zuständig ist.

Das HMPC hat definierte Trockenextrakte der Baldrianwurzel zur Behandlung leichter nervöser Anspannung und Schlafstörungen als »medizinisch anerkannt« bestätigt. Es handelt sich um Trockenextrakte mit einem Droge-Extrakt-Verhältnis von 3 bis 7,4:1, die mit 40- bis 70-prozentigem Ethanol gewonnen wurden. Unter den Baldrianpräparaten im Apothekensortiment entspricht eine ganze Reihe diesen Vorgaben, zum Beispiel Baldriparan® stark für die Nacht, Baldrivit®, Euvegal® Balance, Luvased® mono oder Sedonium®.

Oft kombiniert

Für manche Menschen hat schon der charakteristische Geruch von Baldriantee eine wohltuende, entspannende Wirkung, andere schrecken Geruch und Geschmack eher ab. Um den Geschmack zu verbessern, werden häufig Kombinationen mit anderen beruhigend wirkenden Drogen eingesetzt, wie Passionsblumenkraut oder Melisse. Hinsichtlich der Wirksamkeit sind allerdings Baldrianpräparate, die der HMPC-Monographie entsprechen, eindeutig einem Tee vorzuziehen. Empfehlenswert sind Präparate, deren Tagesdosis zwei bis drei Gramm Baldrianwurzel enthält. Dies entspricht je nach Herstellungsverfahren 450 bis 750 Milligramm Extrakt. Bei Kombinationspräparaten können auch geringere Dosen ausreichen.

Welche der Inhaltsstoffe der Baldrianwurzel den Schlaf fördern, ist immer noch Gegenstand der Forschung. Wissenschaftler haben aktuell vor allem die so genannten Schlaflignane im Visier, wie das hydrophile Lignan Olivil. Sie zeigen eine Affinität zu den Adenosin-Rezeptoren im Gehirn. Adenosin blockiert die Ausschüttung aktivierender Neurotransmitter und beeinflusst zudem einen Bereich im Hypothalamus, der die zirkadiane Rhythmik und den Schlaf mit steuert. Die Forscher vermuten, dass die Schlaflignane ähnlich wie Adenosin die Schlafbereitschaft erhöhen. Das Wirkmaximum ist erst nach ein bis zwei Wochen Therapie erreicht.

Baldrianwurzel ist gut verträglich. Es sind weder Gegenanzeigen, Nebenwirkungen noch Wechselwirkungen bekannt. Obwohl es bisher keine Anhaltspunkte für Risiken gibt, wird Schwangeren und Stillenden die Einnahme nicht empfohlen.

Zuerst nur fürs Bier

Hopfen (Humulus lupulus) wird in Mitteleuropa bereits seit dem 8. Jahrhundert angebaut – allerdings nicht als Heilpflanze, sondern als Zutat zum Bierbrauen. Für die Bierherstellung genauso wie für den pharmazeutischen Einsatz werden nur die weiblichen Blüten des Hopfens verwendet. Ihr zapfenförmiges Aussehen ergibt sich aus den vielen dachziegelartig übereinanderliegenden Deckblätter. Die ESCOP hat Hopfen für die Behandlung von Unruhe, Angstzuständen und Schlafstörungen anerkannt. Dem HMPC reichte die aktuelle Studienlage allerdings nicht aus, um sich dieser Bewertung anzuschließen. Nur die Kombination von Trockenextrakten aus Hopfen und Baldrian hat das HMPC überzeugt.

Zwei Kombinationen mit methanolisch extrahiertem Hopfen erhielten die Beurteilung »medizinisch anerkannt« zur Besserung von Schlafstörungen, wie Alluna® oder Abtei® Baldrian-Hopfen Beruhigungsdragee.

Hopfen zeigt ähnliche Wirkungen wie das körpereigene schlafinduzierende Melatonin. Dieses senkt leicht Blutdruck und Körpertemperatur und macht müde. Nach dem derzeitigen Stand der Forschung stimulieren Bitterstoffe aus Hopfen die Melatonin-Rezeptoren und fördern so direkt den Schlaf.

Bewertung unterschiedlich

Die Melisse (Melissa officinalis) zählt zur Familie der Lippenblütler. Vor allem ihre Blätter enthalten viel ätherisches Öl. Dessen wichtigste Inhaltsstoffe sind Citronellal und Citral, die auch für den typischen zitronenartigen Geruch der Blätter sorgen. Die beruhigende Wirkung der Melisse wird auf das ätherische Öl zurückgeführt. Laut ESCOP sind Angespanntheit, Unruhe und Reizbarkeit medizinisch anerkannte Anwendungsgebiete der Melissenblätter. Das HMPC sieht keinen überzeugenden Beleg für die Wirksamkeit. Daher ordnet das Komitee die Heilpflanze den traditionellen pflanzlichen Arzneimitteln zu.

Wer Melisse zum Einschlafen nutzen möchte, sollte eine Tasse warmen Melissenblättertee vor dem Schlafengehen trinken. Trockenextrakte der Melisse finden sich mit anderen beruhigend wirkenden Drogen in zahlreichen Kombinationspräparaten, zum Beispiel in löslichen Tees, Tabletten, Dragees. Alkoholische Auszüge der Melisse sind in verschiedenen Liquida enthalten, das bekannteste Beispiel ist Klosterfrau Melissengeist.

Am besten als Kapsel

Auch der Arznei-Lavendel (Lavandula angustifolia) gehört zur Familie der Lippenblütler. Er enthält reichlich ätherisches Öl mit den Hauptinhaltsstoffen Linalylacetat und Linalool, vor allem in den Blüten. Viel häufiger als die Blüten kommt das isolierte Lavendelöl zum Einsatz. Die übliche Empfehlung lautet, ein bis zwei Tropfen mit einem Teelöffel Honig einzunehmen. Gebräuchlicher ist heutzutage allerdings die Einnahme in Form von Kapseln mit standardisiertem Gehalt. Mögliche Nebenwirkungen von Lavendelöl sind Aufstoßen und Magen-Darm-Beschwerden.

Die ESCOP hat Unruhezustände, Einschlafstörungen und depressive Verstimmungen als medizinische Indikationen anerkannt. Das HMPC lässt diese nur gelten, wenn die Wirksamkeit entsprechender Fertigarzneimittel durch klinische Studien nachgewiesen ist. Ein solches Präparat ist Lasea®. Die Kapseln enthalten das definierte Lavendelöl Silexan® mit einem hohen Gehalt an Linalool und Linalylacetat. Klinische Untersuchungen zeigten nach oraler Gabe eine anxiolytische und entspannende Wirkung. Sie trat nach zwei bis vier Behandlungswochen deutlich ein und verbesserte die Schlafqualität. Linalool und Linalylacetat sollen Calciumkanäle modulieren und so die Menge erregender Neurotransmitter wie Noradrenalin und Serotonin reduzieren, was das Gleichgewicht unter den Neurotransmittern positiv verändert. Unruhezustände mit ängstlicher Verstimmung sind die Indikation des Präparates. Das Produkt ist gut verträglich. Schwangere sollten es nicht anwenden, weil hierzu keine klinischen Daten vorliegen.

Flavonoide wirksam

Die Passionsblume kam erst im 17. Jahrhundert aus dem tropischen Regenwald Amerikas nach Europa. Mit ihren außergewöhnlichen Blüten verzauberte die Kletterpflanze bald die Gartenliebhaber. Erst Anfang des 20. Jahrhunderts begannen Ärzte, das getrocknete Kraut von Passiflora incarnata, wie der botanische Name heißt, bei Unruhe und Schlaflosigkeit einzusetzen. Als wertbestimmende Inhaltsstoffe gelten Flavonoide. Für die ESCOP sind Angespanntheit, Unruhezustände und Erregbarkeit mit Einschlafstörungen anerkannte medizinische Anwendungen der Passionsblume. Das HMPC lässt diese Indikation nur für Passionsblume-Präparate gelten, wenn deren Wirksamkeit durch klinische Studien belegt ist.

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