PTA-Forum online
Verhütung

Wo bleibt die Pille für den Mann?

Die Pille für den Mann ist eigentlich längst überfällig. Die immer mal wieder angekündigten Durchbrüche in puncto männlicher Verhütung sind bisher allerdings ausgeblieben.
Ulrike Viegener
19.03.2019
Datenschutz

Eine männliche Verhütungsmethode ähnlich wie die Antibabypille scheint es in absehbarer Zeit nicht zu geben. Obwohl seit Jahrzehnten in diese Richtung geforscht wird, hat es bislang kein Produkt zur Marktreife geschafft – eine für die Pharmaforschung ungewöhnlich schlechte Bilanz. Wiederholt wurden vielversprechende Ansätze gemeldet, unter anderem bei einem von der WHO geförderten Forschungsprojekt. Das wurde jedoch 2011 wegen Nebenwirkungen gestoppt.

Kurzfristig sah es so aus, als könne ein Möbeltischler aus Neubrandenburg Bewegung in die Sache bringen: Mit einer aus Unbefangenheit und Naivität schöpfenden Kreativität entwickelte Clemens Bimek eine handwerklich saubere Lösung für das Verhütungsproblem: einen implantierbaren Schalter, mit dem sich Samenleiter auf- und zusperren lassen. Von außen, so Bimek, könne der Mann selbst das Samenventil in seinem Hodensack ertasten und in die gewünschte Stellung bringen. Tatsächlich hat sich die Fachwelt einschließlich des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit seiner als Verhütungsmethode patentierten Erfindung befasst. Die Meinungen dazu sind keineswegs nur ablehnend. Auch freiwillige Probanden, die sich den Schalter zu Prüfzwecken einsetzen lassen würden, gäbe es. Bislang jedoch hat sich kein Medizintechnik-Unternehmen gefunden, das bereit wäre, in die Idee und ihre Weiterentwicklung zu investieren.

Konkurrenzfähigkeit ist fraglich

Der zweifelhafte wirtschaftliche Erfolg scheint ein generelles Problem zu sein. Die Frage, wie viele Männer »im Ernstfall« tatsächlich bereit wären, den Part der Empfängnisverhütung zu übernehmen, ist mit großer Unsicherheit behaftet. Es ist mehr als fraglich, ob sich Kontrazeptiva für den Mann zu einer echten Konkurrenz für die seit Jahrzehnten etablierte Antibabypille entwickeln könnten. Zwar gibt es Umfrageergebnisse, die eine erstaunlich hohe Akzeptanz signalisieren: Laut einer Veröffentlichung im renommierten »Time Magazine« aus dem Jahr 2018 wären rund 50 Prozent aller Männer bereit, regelmäßig eine Verhütungspille zu schlucken. Doch Zweifel sind angebracht.

Nicht nur, weil der Status quo für Männer sehr bequem ist. Hinzu kommt: Der Mann müsste seinen Körper – wie auch immer – manipulieren, um im Körper eines anderen Menschen einen Effekt zu erzielen, nämlich eine Befruchtung zu verhindern. Keine Frage, auch der Mann ist maßgeblich am Zeugungsakt beteiligt. Eine einzigartige Konstellation bleibt es aber dennoch, und die Entscheidung für eine Verhütungspille hat für den Mann natürlich eine ganz andere Dimension als das Überstreifen eines Kondoms.

Mit zweierlei Maß gemessen?

Eine weitere Hürde für innovative Kon­trazeptiva sind die hohen Anforderungen an Arzneimittelsicherheit und -verträglichkeit. Die bereits erwähnte, von der WHO geförderte Verhütungsstrategie ist zum Beispiel an dieser Hürde gescheitert. Alle acht Wochen wurden den Probanden 200 mg Norethisteronenanthat plus 1000 mg Testosteronundecanoat intramuskulär injiziert, mit dem Ziel, die Spermienproduktion zu drosseln. Angepeilt wurde eine Spermienzahl unter einer Million pro Milliliter Samenflüssigkeit, die als Grenzwert zur Unfruchtbarkeit gilt.

Das Präparat zeigte eine überzeugend hohe Effizienz, fast auf Niveau der Antibabypille, wobei sich die ­Spermienproduktion nach Absetzen der Spritze wieder normalisierte. Allerdings hatte die gute Wirksamkeit ihren Preis: Rund 10 Prozent der Probanden berichteten in einer internationalen Phase-II-Studie über Nebenwirkungen. Vor allem die recht hohe Rate depressiver Verstimmungen veranlasste die Verantwortlichen, die Studie abzubrechen und diesen hormonellen ­Verhütungsansatz nicht weiter zu verfolgen.

Eine Entscheidung, die auch kritische Stimmen laut werden ließ. Auch die Prüfärzte äußerten Kritik, zumal sich die Akzeptanz der Verhütungsspritze bei den Probanden trotz der Nebenwirkungen auf über 80 Prozent belief. Professor Dr. Michael Zitzmann von der Uniklinik Münster leitete den deutschen Studienarm. Er kann verstehen, dass die Entscheidung zum Studien­abbruch bei vielen Frauen auf Unverständnis stößt und den Verdacht erweckt, hier werde mit zweierlei Maß gemessen. Denn auch Frauen haben unter der Antibabypille mit zum Teil erheblichen Nebenwirkungen – darunter ebenso depressive Verstimmungen – zu kämpfen, deren Ausmaß das Nebenwirkungspotenzial der getesteten Verhütungsspritze für den Mann weit überschreiten dürfte. Zitzmann räumt ein, dass es eine Zulassung der Antibabypille unter den heutigen Rahmenbedingungen wohl niemals geben würde. Heute gelten deutlich strengere Zulassungskriterien als in den 1960er-Jahren, als die Antibabypille auf den Markt kam.

Vielversprechende Alternative

Als mögliche Alternative zur verworfenen Verhütungsspritze ist in jüngster Zeit Dimethandrolon-Undecanoat, kurz DMAU, ins Zentrum des Interesses gerückt. DMAU ist keine Spritze, sondern tatsächlich eine Pille, die ähnlich wie die Antibabypille funktioniert. Durch das Zusammenspiel androgener und gestagener Hormone wird die Spermienproduktion reduziert. Dime­thandrolon ist eine synthetische Substanz, die sowohl eine androgene als auch eine Progesteron-artige Wirkkomponente besitzt. Die langkettige Fettsäure Undecanoat dient dazu, den Abbau in vivo zu verlangsamen, damit das Hormonpräparat bei einmal täglicher Anwendung die Spermienproduktion zuverlässig unterdrückt.

Das scheint laut ersten Studienergebnissen zu funktionieren. In einer 2018 publizierten Studie wurde DMAU an 100 gesunden Männern im Alter zwischen 18 und 50 Jahren in drei verschiedenen Dosierungen gegen Placebo geprüft. Unter der höchsten Dosierung von 400 mg einmal täglich nahm die Spermienproduktion in verhütungsrelevantem Ausmaß ab, berichtete Studienleiterin Stephanie Page von der Universität Washington in Seattle. Auch in puncto Verträglichkeit erwies sich das neue Hormonpräparat als vielversprechend. Typische Symptome eines Testosteronmangels wie Libidoverlust und Kraftlosigkeit seien sehr selten aufgetreten. Allerdings müsse mit leichten Gewichtszunahmen gerechnet werden. In größeren Langzeitstudien soll das Potenzial von DMAU jetzt genauer ausgelotet werden.

Spermien ausbremsen

Einen anderen Ansatz zur männlichen Verhütung verfolgen Forscher an der Monash University in Melbourne. Das australische Forscherteam will die Spermien nicht dezimieren, sondern ausbremsen. Dieser Ansatz kommt ohne Hormone aus, was – wenn es denn funktionieren sollte – eine gute Akzeptanz erwarten lässt. Als Zielstrukturen haben die Wissenschaftler den α1-Adrenozeptor und den P2X1-Purinozeptor im Visier, zwei Rezeptorproteine, über die die Bewegung der Spermien gesteuert wird. Werden beide Rezeptoren blockiert, sind die Spermien gelähmt und haben keine Chance, bis zur befruchtungsbereiten Eizelle vorzudringen. Einen Arzneistoff, der einen der beiden Rezeptoren inhibiert, gibt es bereits. Nach einem Hemmstoff für den zweiten Rezeptor wird noch gefahndet.

Auch das Enzym TSSK2, das in den Hoden gebildet wird, ist für die Spermien­motilität von essenzieller Bedeutung. Nachdem es Forschern an der University of Virginia in Charlottesville gelungen ist, TSSK2 zu isolieren, suchen sie aktuell nach einem Hemmstoff für dieses Enzym, um damit die Spermienmotilität zum Erliegen zu bringen.

Pflanzliches Mittel

Ganz neu ist der Ansatz, die Spermien zu lähmen, übrigens nicht: Bei den Ureinwohnern Neuguineas ist es seit Jahrhunderten Tradition, aus den Blättern von Justicia gendarussa einen Tee zu brauen, um ungewollte Schwangerschaften zu verhindern.

Die Heilpflanze wird zur Behandlung unterschiedlicher Krankheiten genutzt, und dabei muss den Männern die verhütende Wirkung aufgefallen sein. Den Wirkmechanismus haben unlängst Forscher von der Airlangga University in Jakarta aufgedeckt, nachdem sie auf diese natürliche Verhütungsmethode aufmerksam geworden waren: Die Blätter von Justicia gendarussa enthalten ein Enzym, das die Beweglichkeit der Spermien hemmt. Nachrichten aus Indonesien zum aktuellen Stand dieses Forschungsprojekts sind rar. Es sickerte durch, man habe eine Gendarussa-Pille von hoher Effizienz entwickelt. Und im März 2017 gab die Airlangga University bekannt, das Verhütungsmittel werde in Indonesien in ein bis zwei Jahren kommerziell erhältlich sein.

Auch die in Indien entwickelte Verhütungsmethode RISUG (Reversible Inhibition of Sperm Under Guidance) setzt darauf, Spermien auf ihrem Weg zur Eizelle zu stoppen. Durch ein Kunststoffpolymer, das in die Samenleiter injiziert wird, soll den Spermien der Weg versperrt werden. RISUG wurde bereits in den 1970ern entwickelt, Marktreife hat aber auch diese Methode bis heute nicht erlangt. Immerhin gilt der Ansatz aber als so interessant, dass die Parsemus Foundation, eine US-amerikanische Forschungsstiftung, 2010 die Rechte erwarb.

Siebartige Barriere

Vasalgel, die US-amerikanische Weiterentwicklung des indischen Prototyps, ist eine siebartige Samenleiterbarriere, die die Spermien abfängt, die Samenflüssigkeit aber passieren lässt. Damit soll verhindert werden, dass die Samenleiter durch sich ansammelndes Ejakulat verstopfen. Die Spermien, die im Sieb hängen bleiben, werden vom Körper abgebaut. Unsicher ist allerdings, ob die Entfernung des Kunststoffs tatsächlich immer so problemlos funktioniert wie behauptet. Bei Primaten soll eine überzeugend hohe Verhütungsrate sowie eine gute Verträglichkeit des Vasalgels nachgewiesen worden sein, überzeugende klinische Studien stehen aber noch aus.

Das Fazit ist also mager: Ob mechanische Samenleiterbarriere, Motilitätshemmer oder hormoneller Stopp der Spermienproduktion – keine dieser potenziellen Kontrazeptionsmethoden steht kurz vor dem Durchbruch. Eine echte Alternative zur Antibabypille ist nicht in Sicht, und männliche Verhütung im großen Stil bleibt bis dato eine Vision. 

Mehr von Avoxa