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Altersabhängige Therapie

X- und O-Beine behandeln

Eine gerade Beinachse ist nicht angeboren. Sie verändert sich von der Geburt bis zum Wachstumsende. Dabei müssen physiologische Normvarianten von korrekturbedürftigen Abweichungen unterschieden werden, um einer Arthrose im Erwachsenenalter vorzubeugen.
Carina Steyer
31.08.2021  09:00 Uhr

Abweichungen von der normalen Beinachse gehören zu den häufigsten Gründen, weshalb Eltern einen Kinderorthopäden aufsuchen. Vor allem bei kleinen Kindern kann dabei aber meist Entwarnung gegeben werden. Die Beinachsenentwicklung verläuft in typischen altersabhängigen Phasen, in denen das Auftreten von X-Beinen (Genu valgum) oder O-Beinen (Genu varum) der physiologischen Norm entspricht. So sind O-Beine bei Babys im ersten Lebensjahr völlig normal. Sie resultieren aus der Position im Mutterleib, die Ungeborene aufgrund des Platzmangels einnehmen. Beginnen die Kinder mit ihren O-Beinen zu laufen, spielt die Schwerkraft eine wichtige Rolle. Sie wirkt zwar senkrecht auf das Knie ein, allerdings ist die Belastung auf die Wachstumsfugen nicht gleich verteilt. Während die zum Körper gerichteten Wachstumsfugen verstärktem Druck ausgesetzt sind, wirken auf die nach Außen gerichteten Wachstumsfugen in erster Linie Zugkräfte.

Dieses Ungleichgewicht führt dazu, dass es auf der Innenseite ein Wachstumsschub einsetzt. Die Beinachse begradigt sich, allerdings hält der Effekt nicht lange an. Mit dem nächsten Wachstumsschub beginnt die Ausbildung von X-Beinen. Bei den meisten Kindern sind sie um das dritte bis vierte Lebensjahr herum maximal ausgeprägt. Die nun umgekehrten Belastungsverhältnisse stimulieren das Wachstum abermals asymmetrisch, sodass sich die Beinachse schließlich wieder korrigiert. Zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr entwickelt sich bei den meisten Kindern die normale physiologische Achse, die übrigens noch immer nicht ganz gerade ist. Normale Beine stehen in leichter X-Stellung von fünf bis sieben Grad.

Meist idiopathisch

Die Auslöser für eine stark von der Norm abweichende Beinachsenfehlstellung sind vielfältig. So können ein Trauma, eine Infektion oder ein Tumor die Wachstumsfugen schädigen und durch das resultierende ungleichmäßige Wachstum des Knochens sowohl X- als auch O-Beine verursachen. Weitere Auslöser von O-Beinen können eine Rachitis, Kleinwuchs oder Morbus Blount sein. Auch eine Fehlbildung des Knochengewebes, bei der der Knochen nicht mehr ausschließlich dem physiologischen Wachstumsschema folgt, kommt in Frage. Bei X-Beinen können Stoffwechselerkrankungen wie ein Phosphatdiabetes oder eine Adipositas ursächlich sein. Zudem können verschiedene angeborene Systemerkrankungen und Beinfehlbildungen oder eine rheumatoide Arthritis zu X-Beinen führen. Bei den meisten Patienten finden sich jedoch keine Auslöser, die Beinachsenfehlstellung ist idiopathisch.

Schmerz und Instabilität

Typischerweise sind bei Kindern X-Beine wesentlich häufiger vertreten als O-Beine. Erst im Verlauf der Pubertät kehrt sich das Verhältnis von X- zu O-Beinen um, sodass bei Erwachsenen O-Beine stärker vertreten sind. Etwa 32 Prozent der Männer und 17 Prozent der Frauen haben O-Beine. Solange die Ausprägung gering ist, handelt es sich um eine harmlose Abweichung, die keine Beschwerden verursacht. Auch bei Kindern sind Beinachsenabweichungen in der Regel nicht mit Schmerzen verbunden. Folgen der Beinachsenabweichung zeigen sich erst, wenn die Belastung der Kniegelenke so ungleichmäßig ist, dass sie sich verstärkt abnutzen und sich verfrüht eine Arthrose in einzelnen Gelenkskompartimenten entwickelt. Bei O-Beinen ist häufig das mediale, auf der Knieinnenseite gelegene Gelenkskompartiment, bei X-Beinen das laterale, auf der Knieaußenseite liegende Kompartiment, betroffen. Mediziner bezeichnen die Kombination aus Arthrose im medialen Kompartiment mit gleichzeitiger O-Bein-Fehlstellung als Varus-Gonarthrose. Die Kombination aus X-Bein-Fehlstellung und Arthrose im lateralen Kompartiment als Valgus-Gonarthrose.

Ausgeprägte Achsenabweichungen im Erwachsenenalter verstärken sich mit der Zeit zudem häufig zusätzlich. Betroffen sind dann meist auch die stabilisierenden Bänder des Kniegelenks, sodass beim Laufen neben Schmerzen ein Gefühl von Instabilität dazu kommt.

Viele Spontankorrekturen

Ob eine Beinachsenfehlstellung bereits therapiebedürftig ist oder noch der normalen Entwicklung entspricht, können Kinderorthopäden anhand des Alters, des Gehens des Kindes und der Formung der Beine schnell einschätzen. So besteht vor dem Laufbeginn eines Kindes grundsätzlich kein therapeutischer Handlungsbedarf. Bei kleinen Kindern wird in der Regel zunächst zum Abwarten und Beobachten geraten. Die Zahl der Spontankorrekturen bis zum achten Lebensjahr ist sehr hoch. Anschließend werden sie seltener, sind aber weiterhin nicht ausgeschlossen. Fotografische Verlaufsdokumentationen oder Ganganalysen können helfen, die Veränderungen besser zu erfassen und den künftigen Verlauf abzuschätzen.

Korrigiert sich eine Beinachsenfehlstellung nicht von allein, kann mit einer sogenannten wachstumslenkenden Operation mit Implantaten nachgeholfen werden. Den Patienten wird im Rahmen eines minimalinvasiven Eingriffs eine kleine Klammer oder ein Plättchen auf der Innen- oder Außenseite des Knies angebracht. Sie hemmen in Zukunft das Wachstum, während die andere Seite normal weiterwächst. Nach dem Eingriff ist das Bein sofort wieder belastbar, die Beinachse korrigiert sich in Folge mit dem Wachstumsprozess des Kindes.

Restwachstum als Taktgeber

Der ideale Operationszeitpunkt wird vom Patientenalter und seinem zu erwartenden Restwachstum bestimmt. Der Schluss der Wachstumsfugen markiert den Abschluss der Beinachsenentwicklung, eine Begradigung über den Wachstumsprozess ist nun nicht mehr möglich. Bei Mädchen geschieht dies meist um das 14. Lebensjahr, bei Jungen um das 16. Lebensjahr herum. Kleine Fehlstellungen werden etwa ein Jahr vor Abschluss des Wachstums korrigiert. Bei ausgeprägten Achsenabweichungen wird der Zeitpunkt früher gelegt, um den Wachstumsprozess noch voll ausschöpfen zu können. Eine Ausnahme bilden Kinder mit Adipositas. Sie ist um das zehnte bis zwölfte Lebensjahr herum ein häufiger Grund dafür, dass X-Beine entstanden sind. Vor einem chirurgische Eingriff steht zunächst die Gewichtsreduktion im Fokus.

Sind die Implantate eingesetzt, wird alle drei Monate der Fortschritt kontrolliert. Im Durchschnitt dauert es ein Jahr, bis die Begradigung vollständig erreicht ist. Nun werden die Implantate entfernt, um eine Überkorrektur zu vermeiden. Mitunter kommt es vor, dass nach einer erfolgreichen Korrektur der Beinachse eine erneute Fehlstellung auftritt, wenn das Implantat entfernt wird. Über die Ursachen dafür ist bisher kaum etwas bekannt. Auch die Angaben zur Häufigkeit variieren stark. In einigen Studien werden sie mit bis zu 50 Prozent angegeben, weshalb von einigen Autoren eine leichte Überkorrektur der Beinachse empfohlen wird.

Letzte Wahl

Nach Abschluss des Wachstums können Mediziner Beinachsenkorrekturen nur noch durch eine sogenannte Umstellungsosteotomie vornehmen. Dazu muss der Knochen durchtrennt und in der richtigen Position neu fixiert werden. Dieser Eingriff ist wesentlich aufwendiger und erfordert eine Entlastung von mindestens sechs Wochen. Sport oder körperlich belastende Tätigkeiten müssen meist sogar mehrere Monate ausgesetzt werden. Der Eingriff wird deshalb vor allem bei starken Beschwerden oder sehr ausgeprägten Fehlstellungen durchgeführt. Besonders bei jungen, aktiven Erwachsenen mit beginnender Arthrose erzielen Umstellungsosteotomien oft gute Ergebnisse. Für ältere Patienten mit bereits fortgeschrittener Arthrose und Beinachsenabweichung wird meist ein Gelenkersatz empfohlen. Ob sie auch von einer Umstellungsosteotomie profitieren, wird aktuell kontrovers diskutiert. Während Befürworter die Entlastung des betroffenen Knorpels als wesentlichen Vorteil ansehen, fürchten andere, dass die vermehrte Komplikationsrate in höherem Alter dem Nutzen nicht überwiegt.

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