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Immunsystem

Zu viel Hygiene kann Mikrobiom schwächen

Ein gesundes Mikrobiom ist essenzieller Bestandteil des Immunsystems. Daher ist sein Erhalt in Pandemie-Zeiten besonders wichtig. Manche gut gemeinten Maßnahmen können aber kontraproduktiv sein.
Kerstin A. Gräfe
19.10.2020  14:00 Uhr

Der Begriff Mikrobiom bezeichnet die Gesamtheit der im Körper vorkommenden Billionen von Mikroorganismen. Diese besiedeln den Darm, die Nase, die Mundhöhle, den Rachen sowie die Vagina und bilden die äußere Schutzschicht der Haut. »Wir kennen kein Organ, das nicht mit einem stabilen Mikrobiom besiedelt ist«, sagte Professor Dr. Thomas Bosch, Evolutionsbiologe von der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, bei der Expopharm Impuls. Mit dem Mikrobiom sei der Mensch eine Millionen Jahre alte Partnerschaft eingegangen. Werde diese Partnerschaft getrennt, erkranke der Mensch.

Man beginne erst jetzt, die vielen Funktionen zu verstehen, die das Mikrobiom erfüllt. So sei es etwa ein essenzieller Teil des Immunsystems. Entscheidend dabei sei die Diversität des Mikrobioms: »Die Bakterien reden innerhalb ihrer Gruppe miteinander und nur wenn sie das tun, stellen sie bestimmte Metabolite her«, so Bosch. Die Metaboliten wiederum sorgten dafür, dass Pathogene nicht eindringen könnten. Evolutionsbiologen sprächen von Kolonisierungsresistenz. Werde diese Diversität zum Beispiel mittels lokaler Antibiotika gestört, kämen einzelne Keime wie Candida albicans hoch und es entstehe Mundsoor. »Das Mikrobiom ist also eine wichtige Komponente der Immunabwehr und alle Krankheitserreger, die von außen kommen, müssen erst einmal durch das Mikrobiom durch«, resümierte der Referent. Das gelte im Übrigen auch für Pharmaka.

Bosch zufolge ist die Zunahme an Umwelterkrankungen wie Adipositas, Neurodermitis, entzündlichen Darmerkrankungen und Allergien in der industrialisierten Welt unter anderem darauf zurückzuführen, dass das Mikrobiom in seiner Funktionsfähigkeit gestört wird. Als Auslöser führte der Refernt neben mangelnder Bewegung und falscher Ernährung einen zu hohen Antibiotika-Gehalt in tierischen Lebensmitteln sowie Hygiene-Maßnahmen an. »Wir denken, dass dadurch in der westlichen Welt die Diversität des Mikrobioms erheblich reduziert ist – eine Dysbiose.«

Die gute Nachricht sei, dass man das Mikrobiom manipulieren könne. Als Beispiel nannte Bosch die fäkale Mikrobiota-Transplantation, die zu therapeutischen Zwecken bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen genutzt werde. Zudem könnten sich gesunde faserreiche Ernährung, Bewegung und Probiotika positiv auswirken. »Bei den Probiotika wissen wir allerdings noch in keinem einzigen Fall, wie das funktioniert.«

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