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AOK-Analyse

Zu viele risikoreiche Kontrazeptiva auf Rezept

Immer weniger junge Frauen verhüten mit der klassischen Pille, wie eine aktuelle Datenanalyse zeigt. Der Anteil an risikoreichen Kombinationspräparaten ist nach Einschätzung des AOK-Bundesverbands jedoch immer noch zu hoch.
Juliane Brüggen
23.08.2022  14:00 Uhr

Eine Analyse von GKV-Verordnungsdaten, die dem Wissenschaftlichen Institut der AOK vorliegen, hat gezeigt, dass der Verordnungsanteil von kombinierten oralen Kontrazeptiva im Jahr 2021 auf 32 Prozent gesunken ist. Der Trend ist schon seit längerer Zeit rückläufig: Im Jahr 2010 erhielten noch 46 Prozent der GKV-versicherten Mädchen und Frauen die Kombinationspräparate auf Rezept. Lediglich im Jahr 2020, in dem die Altersgrenze für die Verordnung der Pille zulasten der GKV von 20 auf 22 Jahre heraufgesetzt wurde, war ein leichter Anstieg zu verzeichnen.

»Eine Erklärung für den insgesamt rückläufigen Trend bei den Pillenverordnungen kann sein, dass immer mehr jungen Frauen bewusst ist, dass es sich bei der Pille nicht um ein Lifestyle-Präparat handelt, sondern dass in den Hormonhaushalt eingegriffen wird. Das wiederum kann Nebenwirkungen nach sich ziehen«, sagt Dr. Eike Eymers, Ärztin im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes laut Pressemitteilung.

Kritisch zu bewerten ist laut Eymers, dass fast jedes zweite verordnete Kombinationspräparat ein risikoreicheres ist – also eines, das im Vergleich mit anderen Präparaten ein höheres Risiko für Thrombosen und Embolien aufweist. So machten Dienogest-haltige Präparate 2021 immer noch 35 Prozent der Verordnungen aus, was dem Vorjahresniveau entspricht. »Und das, obwohl das Risiko dieses Wirkstoffes für venöse Thromboembolien in Kombination mit dem Estrogen Ethinylestradiol um das 1,6-fache erhöht ist«, so die Ärztin. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) rät davon ab, das Präparat bei Patientinnen zu verwenden, die ein erhöhtes Grundrisiko für venöse Thromboembolien (VTE) mitbringen. Individuelle Risikofaktoren sind beispielsweise Übergewicht oder Rauchen.

Auch der Verordnungsanteil von Präparaten mit Chlormadinon, die vermutlich ebenfalls mit einem erhöhten VTE-Risiko einhergehen, ist der Analyse zufolge in den vergangenen Jahren gleichgeblieben. Er liegt bei etwa 10 Prozent. Insgesamt lasse sich zwar während der letzten zehn Jahre ein Trend zur Verordnung von risikoärmeren Präparaten erkennen, in letzter Zeit komme es aber zur Stagnation, so der AOK-Bundesverband.

Auf risikoärmere Präparate zurückgreifen

Insbesondere, wenn junge Frauen zum ersten Mal ein orales Kontrazeptivum erhielten, sollten Ärzte über die Risiken aufklären und – wenn es ein Kombinationspräparat sein soll – möglichst eines der zweiten Generation auswählen, so Eymers. Diese risikoärmeren Präparate enthalten neben einer niedrig dosierten Estrogen-Komponente das Gestagen Levonorgestrel. Die Ärztin verweist außerdem auf Alternativen: »Mono-Präparate, die auch als Minipille bezeichnet werden, enthalten nur das Gestagen. Ein neues Präparat mit dem Wirkstoff Drospirenon bietet mit einem Pearl-Index von 0,73 einen sehr guten Empfängnisschutz und hat laut Studien zugleich ein niedrigeres Risikopotenzial als die kombinierten oralen Kontrazeptiva.«

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