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Zucker und Krebs

Zusammenhänge noch unklar

Immer wieder wird hoher Zuckerkonsum als Auslöser für Krebserkrankungen genannt. Krebspatienten hören oft, sie sollten Zucker oder gar alle Kohlenhydrate meiden. Doch gibt es wirklich einen Zusammenhang von Zucker und Krebs?
Carina Steyer
14.05.2019
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Krebs ist die Erkrankung, die die Deutschen am meisten fürchten. Das geht aus einer repräsentativen Befragung des Forsa-Instituts hervor, die im Auftrag der DAK-Gesundheit im vergangenen Jahr durchgeführt wurde. 68 Prozent der rund 3500 Befragten nannten Krebs als die Krankheit, vor der sie am meisten Angst haben. Dabei führen Herz-Kreislauf-Erkrankungen häufiger zum Tod, sie werden aber nur von 38 Prozent der Befragten als bedrohlich wahrgenommen. Gleichzeitig fällt es den meisten Menschen leichter, über einen Herzinfarkt zu sprechen als offen mit einer Tumorerkrankung umzugehen. Krebs ist noch immer ein Tabuthema, das Angst macht und lieber verdrängt als offen thematisiert wird. Das lässt jedoch auch Raum für viele Halbwahrheiten, Gerüchte und Mythen, zum Beispiel: »Krebszellen lieben Zucker«.

Richtig ist: Glucose ist die Hauptenergiequelle für alle Körperzellen. Wir liefern sie, indem wir kohlenhydratreiche Nahrungsmittel wie Kartoffeln, Mehlprodukte oder Süßes essen. Vor knapp 100 Jahren beobachtete der Biochemiker und Nobelpreisträger Otto Warburg, dass gesunde Körperzellen Energie gewinnen, indem sie Glucose verbrennen und Sauerstoff verbrauchen. Krebszellen hingegen produzieren die Energie durch Vergärung. Sie setzen die Glucose selbst dann ohne Sauerstoff um, wenn er zur Verfügung steht. Dadurch fällt die Energieausbeute geringer aus, das gleichen die Krebszellen aus, indem sie mehr Glucose aufnehmen.

Ketogene Diät

Schnell kam nach dieser Beobachtung die Idee auf, die Tumorzellen durch eine zuckerreduzierte Ernährung »auszuhungern«. Mittel der Wahl ist hier die ketogene Diät, eine fettreiche und gleichzeitig kohlenhydratarme Ernährungsform. Der Körper gerät durch den Mangel an Kohlenhydraten in einen Hungerzustand, allerdings ohne Ernährungsdefizit, da die Aufnahme von Fetten gesteigert wird. Der Stoffwechsel stellt sich um, und die Leber bildet Ketonkörper, die nun statt der fehlenden Glucose zur Energiegewinnung genutzt werden.

Auch die viel diskutierte Coy-Diät, die nach ihrem Entwickler, dem Biologen Dr. Johannes Coy, benannt ist, verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Sie basiert auf der Annahme, dass das TKTL-1-Gen den Energiestoffwechsel der Tumorzellen verändert. Die kohlenhydratarme Diät soll den ursprünglichen Energiestoffwechsel wiederherstellen und damit die Tumorzellen empfindlicher gegenüber einer Chemo- und/oder Strahlentherapie machen. Dafür wird die Ernährung zusätzlich mit Tocotrienolen, sekundären Pflanzenstoffen, Fett und Lactat angereichert, die den TKTL1-gesteuerten Energiestoffwechsel hemmen sollen.

Nicht empfohlen

Dass eine ausgewogene, gesunde Ernährung eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung vieler Krebserkrankungen spielt, steht außer Frage. Eine bereits bestehende Krebserkrankung lässt sich mit speziellen Ernährungsformen nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand allerdings nicht beeinflussen. Auch für die ketogene Diät existieren keine aussagekräftigen Studien, die einen positiven Nutzen bei Tumorpatienten belegen würden.

Medizinische Relevanz haben ketogene Diäten bei der Behandlung von pharmakoresistenten Epilepsien bei Kindern und Jugendlichen. Bei Krebs wird die Ernährungsform von Experten hingegen kritisch beurteilt. Studien mit Zellkulturen konnten zeigen, dass auch Tumorzellen in der Lage sind, auf unterschiedliche Energiequellen zurückzugreifen und dadurch zum Teil sogar schneller wachsen als zuvor. Eine ketogene Ernährung senkt zwar die Blutzuckerwerte. Wie weit diese jedoch gesenkt werden müssten, um einen Tumor zu beeinträchtigen und ob dies überhaupt gelingen kann, ist völlig offen.

Darüber hinaus können ketogene Diäten bei Krebspatienten Nebenwirkungen wie Müdigkeit, unerwünschten Gewichtsverlust, Verstopfung und Übelkeit verursachen. In einer systematischen Übersichtsarbeit, die 15 Studien mit insgesamt 177 Krebspatienten auf ketogener Diät ausgewertet hat, haben 63 Prozent der Teilnehmer die Diät aufgrund von Nebenwirkungen vorzeitig beendet. In seltenen Fällen kann eine ketogene Diät zu einer möglicherweise lebensbedrohlichen Übersäuerung des Blutes führen.

Und wie sieht es mit dem Erkrankungsrisiko aus? Fördert ein hoher Zuckerkonsum das Entstehen einer Krebserkrankung? Die Antworten auf diese Fragen fallen unterschiedlich aus. Während ältere Studien einen deutlichen Zusammenhang zwischen energiereicher Nahrung und bestimmten Krebserkrankungen gefunden haben, sehen aktuelle Übersichtsarbeiten eher die gesamte Kalorienbilanz als Auslöser. Ein hoher Zuckerkonsum über einen langen Zeitraum führt dem Körper dauerhaft mehr Energie zu als verbraucht wird. Die Folge ist Übergewicht, das Risikofaktor für verschiedene Krebserkrankungen ist. In älteren Studien hingegen wurden Übergewicht und Bewegungsarmut nicht berücksichtigt.

Auch wenn viele Wissenschaftler heute von einem indirekten Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Krebsentstehung ausgehen, können einzelne Arten von Zucker als Risikofaktoren für bestimmte Krebsarten nicht vollständig ausgeschlossen werden. Sie sind deshalb immer wieder Gegenstand aktueller Forschungen.

Risiko Fruktose

Im März dieses Jahres berichteten US-Forscher im Fachmagazin »Science« über eine Studie, die einen Zusammenhang zwischen dem beschleunigten Wachstum von Darmpolypen bei Mäusen und dem Verzehr von Maissirup zeigt. Maissirup ist auch unter dem Namen Isoglucose bekannt. Seit den 1970er-Jahren wird es enzymatisch aus Maisstärke hergestellt. Ähnlich wie Haushaltszucker setzt sich Maissirup aus Fructose und Glucose zusammen, das genaue Mengenverhältnis kann allerdings im Herstellungsprozesses gesteuert werden. So entstehen Süßungsmittel mit einem Fructose-Anteil von 90 Prozent – das sogenannte High Fructose Corn Syrup. Sie werden vor allem zum Süßen von Softdrinks verwendet.

Die Mäuse in der Studie der US-Forscher erhielten über einen Zeitraum von acht bis zehn Wochen 3 Prozent ihrer täglichen Kalorienzufuhr über High Fructose Corn Syrup. Die Kontrolltiere wurden mit derselben Diät gefüttert, bekamen aber keine Isoglucose. Alle Mäuse waren genetisch so verändert, dass sie Darmpolypen und später Darmkrebs entwickeln würden. Die Forscher stellten fest, dass die Darmpolypen der Versuchstiere, die Isoglucose erhalten hatten, wesentlich stärker wuchsen. Zudem entwickelten sich häufiger Krebsvorstufen als bei den Kontrollmäusen.

Die Entwicklung von Darmtumoren trat unabhängig vom Gewicht der Mäuse auf, sodass Übergewicht als fördernder Faktor ausgeschlossen werden konnte. Die Studienautoren liefern auch eine Erklärung für die Beobachtungen: In molekularen Analysen konnten sie zeigen, dass innerhalb des Tumors das Enzym Ketohexokinase Fructose in Fructose-1-Phosphat umwandelt, welches das Zellwachstum beschleunigte. Gleichzeitig konnten die Forscher beobachten, dass die tumorfördernde Wirkung des Maissirups verschwand, wenn die Ketohexokinase in den Mäusen medikamentös ausgeschaltet wurde.

Auch Schweizer Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich berichteten 2017 von einer möglichen negativen Wirkung der Fructose. Sie hatten Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen einem hohem Fructose-Konsum und Bauchspeicheldrüsenkrebs gefunden. In ihren Untersuchungen verglichen die Wissenschaftler die Wirkung von Fructose und Glucose auf das Wachstum von Krebszellen in Zellkulturen und Mäusen. In beiden Fällen wuchsen die Tumoren unter dem Einfluss von Fructose wesentlich schneller. Die Forscher vermuten, dass der Metabolismus von Fructose eine Überlebensstrategie für Bauchspeicheldrüsenkrebszellen darstellen könne.

Ob und inwieweit sich die tierexperimentellen Studien auf den Menschen übertragen lassen, ist zum aktuellen Zeitpunkt noch unklar. Die Wissenschaftler der US-Studie gaben bekannt, weitere Untersuchungen anschließen zu wollen.

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